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Von Manifesten und der Entdeckung des Menschen

Guck, guck, ich auch! Wenn aus radikalen Kräften Pop wird. Foto: CC-BY License Some rights reserved by zak mc
Guck, guck, ich auch! Wenn aus radikalen Kräften Pop wird. Foto: CC-BY License Some rights reserved by zak mc

Das Internet. Unendliche Weiten. Heimat sozialer Biotope und verschrobener Kulturen, die erst noch erforscht werden wollen. Spielplatz enthusiastischer Entdecker, die jedes neue Stück Land kartographieren, katalogisieren und einer Bedeutung zuführen. Goldgrube für rechtschaffene Kaufleute und zwilichtige Gesellen. Vision genialer Tycoons mit großen Plänen.

Es herrscht Aufbruchstimmung. Wieder einmal. Und ein Internet-Manifest will die Menschen aufrütteln. Wieder einmal.

Eine kleine Geschichte des Internets

Nach dem Platzen der ersten Internet-Blase um die Jahrtausendwende durchläuft das Netz eine Metamorphose und erfindet sich als Web 2.0 neu. Social Networks, Blogs und Real-time-lifestreams holen die Menschen ins Netz und appellieren an ihre Kreativität, Intelligenz und Leidenschaft. Soziale Beziehungen zwischen Menschen, die sich noch nie im Leben begegnet sind, werden Realität. Das Internet ermöglicht heute jedem Nutzer das Bereitstellen, Auffinden und Verarbeiten von Informationen. Möglicherweise bleiben dabei Relikte aus dem letzten  Jahrtausend, wie etwa das Urheberrecht in seiner jetzigen Form, auf der Strecke.

Damit haben Verlage und Medienhäuser ein Problem. Insbesondere der Verleger Hubert Burda versteigt sich in eine abstruse Beweisführung für das Schlechte der sogenannten “Kostenlos-Kultur” im Internet. In einer gemeinsamen Hamburger Erklärung schelten große deutsche Verlage und die dpa den angeblich “rechtsfreien” Status des Internets und fordern den Schutz des geistigen Eigentums, um ihren Qualitätsjournalismus sichern zu können.

Dagegen wehren sich nun 15 Autoren, darunter namhafte Journalisten wie Thomas Knuewer und Stefan Niggemeier, mit einem Internet-Manifest. In aller Deutlichkeit zählen sie auf, welche Veränderungen die Kulturtechniken des Internets vom modernen Jornalismus abverlangen. Nicht mehr und nicht weniger. Die Reaktionen sind jedoch keinesfalls nur euphorisch. Dennoch löst das Manifest ein Beben aus.

Das Manifest, das keines war

Im Wesentliche gibt es in der deutschen Blogosphäre drei Kritikpunkte an dem Manifest:

  1. Das Manifest ist eigentlich gar kein Manifest. Oder, wie Spiegelkritik sagt, “es ist kein Manifest von Hungernden und Dürstenden, von Menschen, die für sich Veränderung wollen, wie das bei allen wirkmächtigen Manifesten der Fall war, sondern es sind die Klugheiten von Satten, von Wissenden.”
  2. Das Manifest postuliert das Gemeinsame, Partizipative und die neuen Öffentlichkeiten im Web – und wurde im Gegensatz dazu von den 15 Autoren unter Ausschluss der Öffentlichkeit verfasst.
  3. Für viele Kritiker ist das Manifest eine Ansammlung von Allgemeinplätzen, die schon seit dem Cluetrain-Manifest bekannt sind. Inhaltlich lassen sich zahlreiche Details in Frage stellen und kritisieren. Beispielhaft ist hier tantes Blog.

Ihr Ziel haben diese 15 Desperados der Blogosphäre jedoch erreicht: Alle großen (Online-) Medien berichten über ihre Initiative und die Diskussion in der Blogosphäre ist in vollem Gange. Mittlerweile wurde das Manifest in acht Sprachen übersetzt. Dem Journalismus kann diese Debatte nur gut tun.

Eigentlich geht es um etwas ganz anderes

Das Manifest ist als Konter der Hamburger Erklärung gut. Ein Manifest ist es allerdings tatsächlich nicht. Während das Cluetrain-Manifest die Unternehmen mit der unangenehmen Wahrheit konfrontierte, dass man in Zukunft nicht mehr auf ihre Art der Kommunikation angewiesen sei, erklärt das Internet-Manifest den Journalisten, wie sie zukünftig ihre Arbeit tun sollen. Das Internet-Manifest ist kein Akt der Emanzipation, sondern ein Appell.

Es richtet sich an den Journalismus, weshalb die Bedeutung für den Rest von uns nicht allzu groß ist. Dennoch nennt es sich Internet-Manifest. Aber das ist egal. Denn die partizipativen Entwicklungen im Netz, mit all ihren Ausprägungen, werden weiter gehen und die Konfliktlinien bleiben bestehen, bis die ersten großen Verlage, Regierungen und Organisationen überlaufen.

Das entscheidende Momentum für diese Veränderungen ist der Mensch, nicht das Internet. Letztendlich ist das Internet kein Medium oder Kanal. Es ist ein technologisches Netzwerk, dass Menschen miteinander verbindet. Hinter jedem Bildschirm sitzt ein Mensch mit einem konkreten Bedürfnis. Das Internet ist lediglich Mittel zum Zweck. Die eigentlichen Mehrwerte entstehen in den Köpfen, Herzen und auf den Bankkonten der Menschen. Ein Zitat von Mark Zuckerberg, das Jeff Jarvis widergab, passt hier sehr gut:

“At Davos this year [2007], a powerful newspaper publisher beseeched Mark Zuckerberg, the young founder of the hugely successful social network Facebook, for advice on how he could build and own his community. The famously laconic Zuckerberg replied “You can’t.””

Sein Argument: Communities können nicht erschaffen werden, sie existieren bereits. Social Software bietet lediglich eine Form der eleganten Organisation dieser Netzwerke. Internet-Applikationen helfen uns bei der Organisation unseres Tagesablaufs und stellen Dienstleistungen für fast alle Belange bereit. Aber sie sind immer Ergebnisse von Ideen, die vorher in der Welt waren. Wie zum Beispiel die Idee von schwulen und lesbischen Daimler-Mitarbeitern, ohne sexuelle Diskriminierung und Angst leben zu können. Das vielbeachtete “Outing” des schwul-lesbischen Netzwerks im Daimler-Blog ist ein Ergebnis dieser Idee.

Ein echtes Manifest wäre die Manifestation einer fundamentalen Idee. Etwa die Emanzipation einer vernetzten Weltgesellschaft von nationalstaatlicher Kontrolle. Eine Idee, die nur über einen hohen Grad an Vernetzung über Kontinente hinweg möglich scheint. Die aber lohnt, weil der Wunsch nach Frieden, Freiheit und Glück in uns allen schlummert. Das wäre ein verrücktes Manifest, das so eine Vision einfordert. Aber es hätte auf alle Fälle mehr Relevanz als die Zustandsbeschreibung des Internets.