Alles Lüge? Wie echt sind unsere Facebook-Profile?

Alles Lüge? Wie echt sind unsere Facebook-Profile?

Vermitteln Profile auf internetbasierten sozialen Netzwerken wie StudiVZ oder Facebook ein verfälschtes, selbstidealisiertes oder ein sehr genaues Bild der Persönlichkeit der Profilinhaber? Diese Fragestellung verfolgt eine psychologische Studie, deren Ergebnisse voraussichtlich im März im Psychological Science Journal vorgestellt werden. Am internationalen Forschungsprojekt beteiligt ist unter anderem Dr. Mitja Back von der Johann-Gutenberg-Universität Mainz, der Rede und Antwort stand.

Im Jahr 2006 nutzten weltweit 700 Millionen Menschen das Internet. Heute gibt es weltweit mindestens genau so viele Nutzer mit einem eigenen Social-Network-Profil. Schon 2008 hatten 42% aller Internetnutzer sich bei mindestens einem Sozialen Netzwerk registriert. Das Gesicht des Internets hat sich nachhaltig verändert – es ist heute normal, seine Persönlichkeit und Identität online zu veröffentlichen. Das Netz wird zu einem gigantischen globalen Telefonbuch, das auch Auskunft über persönliche Vorlieben und politische Interessen geben kann. Nicht nur das: In Norwegen werden sogar das Einkommen und das Vermögen jedes einzelnen Bürgers über das Internet veröffentlicht.

Die Profildaten üben einen großen Reiz aus: Erlauben sie doch die direkte Ansprache von sehr spitzen Zielgruppen ohne nennenswerten Streuverlust. Dafür ist jedoch eine Frage entscheidend: Wie aussagekräftig sind die Profildaten? Neigen die Nutzer dazu, ein selbstidealisiertes Bild von sich ins Netz zu stellen oder sind die Profile „echt“? Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts beschäftigt sich Dr. Mitja Back von der Universität Mainz mit eben dieser Frage:

Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrer Studie gekommen?

Wir sind daran interessiert, die Genauigkeit unseres ersten Eindrucks von anderen Personen in verschiedenen Kontexten zu erforschen. Darüber hinaus möchten wir die Prozesse verstehen, die dem Ausdruck der Persönlichkeit und der Eindrucksbildung zugrunde liegen.

Es gibt interessante Studien, die zeigen, dass wir andere Menschen selbst dann zu einem gewissen Grad genau einschätzen können, wenn diese gar nicht anwesend sind: zum Beispiel haben amerikanische Forscher um Sam Gosling herausgefunden, dass ein Blick in das Büro oder Schlafzimmer oder auch die Kenntnis der Musikpräferenzen für genaue Persönlichkeitsurteile ausreicht.

In einer vorherigen Studie konnten wir zeigen, dass wir uns selbst anhand der E-Mail-Adresse unseres Kommunikationspartners einen Eindruck von dessen Persönlichkeit bilden und dieser Eindruck auch ein Körnchen Wahrheit beinhaltet.

Heutzutage findet ein Großteil der Kommunikation junger Menschen über internetbasierte soziale Netzwerke wie StudiVZ statt. Es ist aber immer noch kaum verstanden, was Online-Profile auf sozialen Netzwerken über uns aussagen und wie Kommunikation in sozialen Netzwerken funktioniert.

Deshalb stellt sich die spannende Frage: Können wir andere nur anhand ihrer StudiVZ-Profile genau beurteilen oder sind unsere Eindrücke durch idealisierte Selbstdarstellungen von Seiten der Profilbesitzer verzerrt?

Was haben Sie gemacht?

Wir haben insgesamt 236 Profilbesitzer in Deutschland und in den USA untersucht. Die Profilbesitzer stellten uns ihre StudiVZ- bzw. Facebook-Nutzerprofile zur Verfügung und füllten einen Fragebogen zur Messung ihrer tatsächlichen Persönlichkeitseigenschaften sowie ihrer idealisierten Selbstbilder (d.h. die Vorstelungen davon, wie sie gerne wären) aus.

Unabhängige Beurteiler betrachteten die Nutzerprofile und schätzten die unbekannten Personen bezüglich der gleichen Eigenschaften ein. Die spontanen Eindrücke wurden dann mit den tatsächlichen Persönlichkeitseigenschaften sowie mit den idealisierten Selbstbildern der Profilbesitzer verglichen.

Was haben Sie herausgefunden?

Es zeigte sich, dass Persönlichkeitseindrücke auf der Basis persönlicher Nutzerprofile in internetbasierten sozialen Netzwerken für alle untersuchten Persönlichkeitseigenschaften genau sind und nicht durch idealisierte Selbstdarstellung verzerrt werden.

Ist das Ergebnis unerwartet?

Die Ergebnisse haben uns selbst überrascht, weil sie der weitverbreiteten Meinung widersprechen, dass Online-Profile lediglich dazu verwendet werden, ein Ideal der eigenen Person zu präsentieren. Online-Profile vermitteln tatsächlich ein sehr genaues Bild der Profilinhaber.

Welche Eigenschaften können anhand der Online-Profile besonders gut und welche eher schlecht eingeschätzt werden?

Die Genauigkeit der Urteile war am höchsten für Extraversion und Offenheit für Erfahrungen. Die fremden Beurteiler konnten also am besten einschätzen, wie sehr die Profilinhaber soziale Kontakte mögen, aus sich rausgehen, kommunikativ und gesellig sind (Extraversion) und wie sehr Profilinhaber neue Erfahrungen und Eindrücke schätzen, phantasievoll, originell sind und Interesse an künstlerischen Erfahrungen haben (Offenheit).

Neurotizismus, also die Tendenz, sich oft Sorgen zu machen, leicht nervös und unruhig zu werden und stressanfällig zu sein, konnte nicht so gut eingeschätzt werden. Das passt zu Untersuchungen in anderen sozialen Kontexten, die zeigen, dass diese Eigenschaften generell sehr schwer einzuschätzen ist.

Warum nutzen Personen Online-Profile nicht zur Selbstidealisierung?

Zum einen, weil sie wahrscheinlich kein starkes Bedürfnis dazu haben, sich zu verstellen oder zumindest ein stärkeres Bedürfnis, sich so zu zeigen, wie sie sind und ihrem wahrem Selbst Ausdruck verleihen zu können.

Zum anderen, ist es sehr schwierig sich auf Online-Profilen zu verstellen. Viele Informationen auf dem eigenen Profil kommen von anderen Personen des sozialen Netzwerks (z.B. Pinnwandbeiträge) und diese Sozialpartner geben Feedback zur eigenen Selbstdarstellung. Man kann nicht einfach hunderte neue Bekannte oder zahlreiche Fotoalben von Partys erfinden, um sich möglichst extravertiert darzustellen – diese sind entweder vorhanden (weil man extravertiert ist) oder nicht (weil man es nicht ist).

Was sind die wesentlichen Erkenntnisse?

Zunächst räumen unsere Ergebnisse mit einem verbreiteten Vorurteil auf: Online-Profile werden nicht genutzt, um sich eine verfälschte, idealisierte virtuelle Identität zu erschaffen; stattdessen werden sie genutzt, um Persönlichkeitseigenschaften auszudrücken und gegenüber anderen Nutzern zu kommunizieren, wie wir sind.

Das könnte in zweierlei Hinsicht zur Beliebtheit internetbasierter sozialer Netzwerke beitragen: Erstens können Nutzer einander informieren, wer sie sind und damit dem Bedürfnis nachkommen, von anderen wahrgenommen zu werden. Zweitens verlassen sich Betrachter der Profile auf die Informationen, die sie den Profilen entnehmen. Das fördert das Vertrauen in solche Online-Netzwerke und begünstigt deren Nutzung für echte soziale Interaktionen.

Die Studie bestätigt außerdem den wichtigen Einfluss der Persönlichkeit auf unser alltägliches Leben: Ob es nun unsere Sprache, unsere Kleidung, unser Verhalten, unsere E-Mail-Adresse, unser Büro oder Schlafzimmer, unser Musikgeschmack oder unser Online-Profil ist – überall spiegelt sich unsere Persönlichkeit wider.

Wie geht es weiter? Was sind ihre nächsten Fragestellungen?

Wir möchten noch genauer verstehen, wie Kommunikation und gegenseitige Wahrnehmung in sozialen Netzwerken funktioniert und dafür die Rolle einzelner Profilelemente wie Profilfoto, Interessen, Selbstbeschreibung, Pinnwand, Gruppenlisten etc. unter die Lupe nehmen.

Außerdem sind wir daran interessiert, wie in sozialen Netzwerken langfristig Beziehungen entstehen und sich entwickeln. Hierbei wollen wir analysieren, wie die eigene Persönlichkeit andere Personen beeinflusst und umgekehrt wie das Feedback anderer Personen auf die eigene Persönlichkeit einwirkt.

In zukünftigen Untersuchungen wollen wir schließlich auch vergleichen, wie sich soziale Prozesse online von solchen offline (also in der direkten Begegnung) unterscheiden.

Es ist zu vermuten, dass einige der in offline Netzwerken wichtigen Verhaltensweisen (z.B. expressives Handeln/Lächeln) auch in Online-Netzwerken eine Rolle spielen. Für berufliche Netzwerke können weitere Prozesse ins Spiel kommen, weshalb man mit Verallgemeinerungen warten sollte bis es hierzu Studien gibt.