Als die Mauer 20 Jahre später fiel

Als die Mauer 20 Jahre später fiel

Es war kalt an diesem Nachmittag. Der Winter kündigte sich mit scharfem Wind an. Das hinderte uns jedoch nicht daran, wieder auf die Straße zu gehen. 20 Jahre, nachdem unsere Eltern vergeblich versucht hatten, die Grenzen dieses Regimes einzureissen, wollten wir es heute erneut. Die Zeit war reif. Wir fürchteten uns nicht vor der Volkspolizei, die 1989 mit den tödlichen Schüssen auf friedliche Demonstranten vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße die Proteste gewaltsam beendete.

Damals war die Welt nahe an einem 3. Weltkrieg und nur die Tatsache, dass Gorbatschow das Vorgehen der DDR-Führung nach zwei langen Stunden verurteilte, verhinderte die Eskalation.

In Folge der Ereignisse wurde die DDR zunehmend isoliert, ein Inselstaat zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den ehemaligen Bruderstaaten, die auf dem Weg in die Demokratie waren. Unsere Eltern waren überzeugt, dass das Ende des Regimes nur eine Frage der Zeit sei, aber es sollte noch 20 Jahre dauern.

In der Zwischenzeit erneuerten die eigentlichen Mächtigen im Land, das MfS und die Kommerzielle Koordinierung, eine Scheindemokratie, die die alten Feindbilder mit fast religilösem Eifer am Leben zu halten versuchte. Dabei ließen sie es sich jedoch nicht nehmen, gute Geschäfte mit dem Westen und den neuen „Imperialisten“ im Osten zu machen. Wie sich später herausstellte, hatten Frankreich und die BRD im DDR-Regime einen dankbaren Abnehmer für ihren Atommüll gefunden. Die Vergütung erfolgte in Hightech und Infrastruktur, unter anderem Abhörtechnik westdeutscher Konzerne.

Abzuhören gab es viel. Zum Beispiel den Mobilfunk. Wurde am Anfang noch versucht, die neue Technik nicht in die Hände der eigenen Bürger kommen zu lassen, änderte das Regime später seine Strategie. Unter Federführung des MfS wurden 1997 zwei Mobilfunkbetriebe eingerichtet, die den gesamten Mobilfunk der DDR kontrollierten. Die Bürger standen unter Generalverdacht. Es galt die allgemeine Schuldvermutung, Kritik am Regime konnte schlimme Folgen haben.

Mit der Digitalisierung der Telekommunikation bekam das MfS ungeahnte Möglichkeiten bei der Überwachung seiner Bürger. Die Vorratsdatenspeicherung reichte bei bestimmten Personen bis zu zwei Jahre zurück. Diese waren sich einer möglichen Bespitzelung durchaus bewusst und nutzten die „Mobilies“ dementsprechend nur für unverfängliche Gespräche. Manche entwickelten eine groteske Geheimsprache, wenn es um Intimitäten und zwischenmenschliche Beziehungen ging.

Die Mobilies kamen übrigens aus Finnland, Deutschland und den USA. Die Herstellerfirmen verkauften so große Mengen Endgeräte an die DDR, dass sie gerne bereit waren, die Geräte als White-label-Produkte auszuliefern. Nicht nur das: Die Spezialisten des MfS erhielten die Möglichkeit, die Software der Geräte für ihre Zwecke zu konfigurieren. Im Westen nannte man das „Software-Branding“.

Als das Internet seinen Siegeszug um die Welt antrat, war es das allergleiche. Zwei staatseigene Servicebetriebe kümmerten sich um die Breitbandanbindung der Bevölkerung. Im Hintergrund hatte wieder das MfS seine Finger im Spiel. Die KOKO konnte erneut zahlreiche Megadeals mit westlichen und russischen Telkos einfädeln. Ziel war diesmal ein abgeschottetes Intranet, das an den Grenzen der DDR Halt machen würde. Nur ging dieser Plan nicht auf.

Die digitale Wende

Wie aus dem Nichts waren wieder meine Freunde und die tausend anderen Demonstranten zusammengekommen. Über Facebook und Twitter war der genaue Ort erst vor 15 Minuten kommuniziert worden. Doch die ganze Bevölkerung Ost-Berlins war in Bereitschaft, hatte nur auf diesen Moment gewartet. Wie schon erwähnt, wir hatten keine Angst vor den Vopos. Auch nicht vor der Armee. Nur das MfS bereitete uns Sorgen, aber wir hatten Großes vor.

Mit dem Breitband-Internet erfolgte eine schleichende Republikflucht vieler Bürger der DDR. Sie verkrümelten sich aus der Enge ihres kleinen Landes in das große, weite Internet. Natürlich ließ sich das Vorhaben der totalen Abschottung nicht umsetzen. Zu wichtig wurde das Netz als Infrastruktur auch für die zahlreichen digitalisierten Kapitalflüsse vom und ins Ausland, die offiziell natürlich nicht stattfanden.

Das MfS verlegte sich darauf, genau zu kontrollieren und zu protokollieren, was die eigenen Bürger alles im Netz trieben. Die Technik dazu kam von einem finnisch-westdeutschen Joint-Venture. Wer sich auffällig verhielt, bekam auf direktem Wege eine Mitteilung, die ganz klar verdeutlichte, dass das MfS von den subversiven und staatszersetzenden Umtrieben wusste. Einzelne Websites und Online-Services wurden komplett gesperrt. Nur über geheime Proxy-Server waren diese noch zu erreichen. Internationale Suchmaschinenbetreiber erkauften sich ihre Lizenzen für das DDR-Netz mit weitreichenden Zusagen bei der Zensur von Suchergebnissen.

Im Staatsfernsehen zeigte der Schwarze Kanal abschreckende Beispiele aus dem „imperialistischen Internet“. Gewalt, Rassismus, Narzissmus, Zügellosigkeit, Glücksspiel, Betrug und Kinderpornografie wurden thematisiert. Das Internet wurde als etwas böses stilisiert, das es zu bändigen gilt. Die Empfehlung lautete ganz klar: Bleiben Sie in der Heimat, besuchen Sie ausschließlich Seiten mit der Top-Level-Domain „.dd“! Diese Haltung wurde den Bürgern regelrecht eingeimpft. Bevor sich ein Haushalt einen Breitbandzugang freischalten lassen konnte, mussten die betroffenen Personen erst einen Internetführerschein machen, der vor allem politischer Natur war.

In den vergangenen 20 Jahren hatte das Regime versucht, die Bürger halbwegs zufrieden zu stellen. Wir hatten ein gutes Sozialsystem, flächendeckende Kinderbetreuung und Strandurlaub auf Staatskosten. Viel mehr als Ostsee und Erzgebirge war jedoch nicht drin.

Mit dem Zugang zum World Wide Web veränderte sich alles. Wir konnten jede Ecke der Welt virtuell erkunden. Natürlich blieben wir nicht auf den langweiligen und bescheuerten Propaganda-Seiten des Regimes. Die Weitergabe einer Proxy-Adresse, über die YouPorn erreichbar war, brachte in der Oberstufe schlappe 20 Mark ein. Die Musikvideos aus YouTube liefen auf allen Robotron-Mobilies meiner Mitschüler. Manche meiner Freunde hatten sogar über Verwandte aus dem Westen die Möglichkeit, World of Warcraft zu zocken. In StudiVZ wurden erste zaghafte West-Kontakte zu hübschen Studentinnen der gleichen Fachrichtung geknüpft. Auf WKW gab es dramatische Familiezusammenführungen aus Ost und West, die für uns Ostdeutsche ernste Probleme bedeuten konnte, wenn das MfS dahinter kam. Um so unglaublicher war für uns, wie offen man in der BRD Politiker auf abgeordnetenwatch.de kritisieren konnte.

Wir wurden mit Lebensstilen und -entwürfen konfrontiert, die es bei uns nicht gab, die uns aber unglaublich faszinierten. Dass man uns nicht daran teilhaben lassen wollte, machte uns mit den Jahren immer zorniger.

Eine neue Bewegung

Mittlerweile war es stockdunkel. Es begann zu schneien und die Flocken schmolzen auf den hitzigen Köpfen des Menschenmeers, das mich umbrandete. Wir waren viele. Wir waren Junge und Alte, Akademiker und Arbeiter. Wir waren auf dem Weg zum Grenzübergang. Niemand würde uns aufhalten.

Über die Jahre entwickelten sich belastbare Beziehungen über die Grenze hinweg. Für jeden Mauertoten, den das Regime auf dem Gewissen hatte, durchquerten 100 Online-Dissidenten unbeschadet die Firewall Richtung Westen. Aus den konspirativen Ost-West-Jugenclubs wurden ernstzunehmende Widerstandsgruppen mit dem Ziel, das Regime zu stürzen. Die Amateurpornos hatten uns angefixt, die Diskussionen in den Blogs angeheizt und die anonymen Tweets koordinierten im Sekundentakt die kleinen und großen Aktionen des neuen Widerstands.

Als Videos auftauchten, die einen Güterzug zeigten, der mit Castor-Behältern beladen die deutsch-deutsche Grenze überquerte, brachte das das Fass zum überlaufen. Plötzlich tauchten von überall Bilder, Videos und Zeugenaussagen auf, die vermuten ließen, dass es in der DDR mindestens ein geheimes Atommülllager gab. Jetzt hatten die Menschen mehr Angst vor der Strahlung als vor dem Regime. Sie wehrten sich.

Und auch in der BRD fragte die junge Generation die Alten, was das sollte. Warum die Bevölkerung der DDR nichts von dem Deal wusste. Warum es keine Auflagen für die Lagerung des Mülls gab, die von Inspektoren der BRD überwacht wurden. Der Skandal weitete sich aus und in dessen Verlauf mussten zwei westdeutsche Minister zurücktreten. Die konservative Regierung änderte ihre Appeasement-Politik gegenüber dem DDR-Regime.

Schon 2008 hatte die US-Präsidentin Hillary Clinton, im Rahmen der 35-Jahr-Feier des World Trade Centers in New York, an die Jugend in den totalitären Staaten der Welt appeliert, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Ihre Rede war damals mit deutschen Untertiteln versehen über zahlreiche Videoplattformen in die DDR gelangt.

Grenzenlose Solidarität

Da standen wir nun. Vor uns die Grenze. Vopos mit Maschinenpistolen zwischen uns und den Schlagbäumen. Wir würden nicht mehr zurück gehen. Gleich beginnt es.

Als die ersten Massenproteste stattfanden, übte die internationale Gemeinschaft Druck auf das DDR-Regime aus. Deutsche Fernsehsender begleiteten die historischen Ereignisse mit emotionaler Berichterstattung rund um die Uhr. Die Mobilfunkbetrieber der Bundesrepublik bauten entlang der Berliner Grenze Sendemäste auf, um den Bürgern der DDR abhörsicheres Telefonieren zu ermöglichen. Tausende von westdeutschen Prepaid-Karten wurden nach Ost-Berlin geschmuggelt. Westdeutsche Sympathisanten des Widerstands stellten offene WLAN-Netze bereit, die die Zensur des MfS umgingen. So wurde dem Widerstand eine Kommunikation außerhalb der Kontrolle des Regimes ermöglicht.

Gleichzeitig begann das MfS mit der Digitalen Kriegsführung. Mit DoS-Attacken wurde versucht, die Informationskanäle des Widerstands auszuschalten. Falschinformationen sollten den Widerstand destabilisieren. Die Verifizierung von getwitterten Ereignissen wurde eine Aufgabe, die bald von besonders vertrauenswürdigen, anonymen Quellen vorgenommen wurde. Marsch der Volksarmee auf Ost-Berlin? Falsch! Staatspropaganda! Verhaftung von mindesten 25 Demonstranten in Zwickau? Bestätigt von mindesten drei glaubhaften Quellen! Mit Mobilies wurden Filme von den Demonstrationen gedreht, von Übergriffen der Stasi, von dramatischen Auseinandersetzungen mit verunsicherten Vopos, von der Zerstörung einer Honecker-Statue. Auf YouTube wurden pro Stunde 100 neue Videodokumente aus der DDR hochgeladen.

Die flammenden Reden der charismatischen Anführer des Widerstands, die es in jeder größeren Stadt gab, erreichten regelmäßig schon in den ersten Stunden über 100.000 Views. Die Stimmung war unbeschreiblich. Die ganze Welt schaute auf unser kleines Land. Wir konnten nicht mehr zurück, immer nur nach vorne, nach vorne. Und dann war da diese Idee.

Es war der 9. November 2009, Punkt 20.00 Uhr. Die uns gegenüberstehenden Volkspolizisten hatten Angst. Angst vor uns, Angst davor, den Schießbefehl zu erhalten, Angst davor, vielleicht getötet zu werden. Es war gespenstisch still, als hundertausende frierende ostdeutsche Hände in ihre Jackentaschen und zum Mobilie griffen. Als sie die Nummern ihrer Söhne, Ehemänner, Freunde und Brüder wählten, klingelten die Mobilies in den Taschen der Vopos und Volksarmisten. Überall im Land. Wir müssen reden.