Alter, Dein Ego braucht Dich! Über die (einzig wahre) Ökonomie von Social Media

Alter, Dein Ego braucht Dich! Über die (einzig wahre) Ökonomie von Social Media

Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst der sozialen Technologie. Es passiert im Internet: Plötzlich ist alles voll sozial! So sozial, dass Sebastian Küpers dieses Prädikat genervt für redundant und völlig überflüssig erklärt. Denn das Soziale ist längst ein Fetisch der IT- und Kommunikationsbranche. Web-2.0-Guru und Informatiker Stowe Boyd behauptet, “das Soziale wird in mobilen Systemen wie dem iPad oder in Windows 7 eingebaut sein” – als sei es eine Funktion, ein Feature oder eine App. Bald gibt es sicher die ersten SLAs für das Soziale in der Enterprise Edition.

Wir wissen: “Sozial ist, was Arbeit schafft”, so das Credo der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Aber auch was Kaufkraft schafft, ist sozial, sagt ver.di. Ganz klar: Facebook ist sozial, weil das Häkchen-Entfernen in den Privacy-Einstellungen Arbeit schafft. Und tipp24.com ist sozial, weil es Kaufkraft schafft.

Natürlich ist das Humbug. Das Soziale war schon immer auch ein Kampfbegriff. Und neuerdings ist es eben auch ein Marketingversprechen. Aber was macht das Soziale in seiner Freizeit, wenn es nichts von alledem ist?

Wie unreflektiert in der Berater-Community mit dem Begriff des Sozialen umgegangen wird, zeigt exemplarisch Mirko Lange, der einen sehr blumigen Erklärungsansatz pflegt:

“„Social“ bedeutet „gemeinsam“. Nicht Dialog. Nur die Technik stellt weder Gemeinsamkeit noch Interesse her. Aber Dialog auch nicht. Aber wenn man Dinge aufrichtig „teilt“ und zusammen nutzt, dann entsteht Gemeinsamkeit – sei es auch nur zwischen den Nutzern.”

Mirko unterstellt den Sozialen Beziehungen von Menschen, nur in der Form der Gemeinschaft zu existieren. Gesellschaft als Arena für Akteure mit ganzen Wagenladungen voll Sozialer Beziehungen mit zweckorientiertem Charakter blendet er aus (siehe dazu Ferdinand Tönnies, Max Weber und andere). Anscheinend war Mirko noch nicht sehr häufig auf Aktionärshauptversammlungen.

Am Ende des Tages ist alles Handeln sozial, das in Bezug zu mehr als einer Person steht. Punkt. Dazu gehört auch die Kommunikation, die als Handeln betrachtet werden kann (so z.B. Hannah Ahrendt), oder aber den Handlungsbedarf vermittelt. Die Sozialen Beziehungen lassen sich aus der Chance auf Soziales Handeln ableiten (ist tricky, Max Weber und so.) Das erklärt eigentlich alles. Aber auch Social Media?

Deus ex machina oeconomicus

Social Media ist kein Terra incognita, im Gegenteil: 5 von 6 Ws können zweifelsfrei beantwortet werden:

Wir wissen, dass

  • Menschen – Einzelpersonen oder Kollektive – Social Media nutzen (Wer?).
  • User Generated Content (UGC) bzw. Engagement (Soziales Handeln) das wesentliche Gut ist, das Social Media definiert (Was?).
  • dieses Gut zu jeder Zeit verfügbar ist und in Echtzeit publiziert werden kann (Wann?).
  • dieses Gut über persönliche Empfehlungen (Soziales Handeln) an die persönlichen Netzwerke (Soziale Beziehungen) Verbreitung erfährt. (Wie?).
  • dieses Gut an öffentlich (Internet) oder teilöffentlich (Intranet, LAN) zugängliche Plattformen und Dienste gebunden ist (Wo?).

Das Warum ist jedoch die Nuss, an der sich so mancher Informatiker, PR-Berater und Entrepreneur die Zähne ausbeisst. Es gibt allerdings ein Muster, auf das viele Erklärungsversuche zurückzuführen sind: Tausch und Ökonomie.

Jeff Jarvis etwa spricht von einer Link-Ökonomie und unterstellt, dass eingehende Links – und nicht Inhalte – den wahren Wert von Medien darstellen. Er identifiziert Links als Währung dieser Ökonomie.

Auch Chris Anderson hat diverse Währungen im Social Web ausgemacht:

“Wir alle haben jede Menge solcher Währungen, mit denen wir online operieren: Twitter-Follower, Facebook-Freunde, PageRank bei Google, Bewertungen auf Ebay, die Zahl der Abonnenten unserer Blogs. Dafür hat sich noch niemand einen Wechselkurs ausgedacht – und die Bindung, die sich Anbieter solcher Dienste gratis von uns erkaufen, ist stärker als Geld allein.” – Chris Anderson im Interview mit brand eins, Heft 05/10, Seite 89 “Stärker als Geld allein”

Die Vorstellung von Followern und Freunden als Währung ist grotesk. Was bekomme ich denn für einen Frankfurter Berater mit leichter Schreibschwäche, guten Links und eigenwilligem Humor? Eine Berliner Autorin mit Hang zu Bizarrem plus einen Göttinger Physik-Studenten mit RPG-Leidenschaft? Der geschätzte Jörg Wittkewitz bringt es, wenn auch mit anderem Bezug, auf den Punkt:

We don't have followers! There is no property relation. You can not own people unless you see media and readers as kind of a slavery

Am Ende bringt Jörg Wittkewitz den Axel Springer Verlag damit auf dumme Gedanken…

Der Wert liegt also nicht im Nutzer selbst, sondern in der persönlichen Beziehung zu ihm. An diesem Punkt bringt Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan das virtuelle Gut ins Spiel, und zwar als Freundschaftsverstärker:

“Freundschaften zu pflegen wird in unserer schnelllebigen Zeit immer schwieriger – doch das Web schafft auch hier Abhilfe: Mit virtuellen Gütern können Nutzer ihren Freunden etwas Aufmerksamkeit schenken.”

Wir alle kennen das: Unsere Freude über die 1.000 Farmville-Kuh ist riesengroß. In den Kommentaren zum Artikel arbeitet sich derweil eine ganze Armada grübelnder Menschen an der Frage ab, welchen Wert (bzw. Wertschätzung) virtuelle Güter beinhalten. Egal, was bei dieser Diskussion herauskommt: Die Antwort wird falsch sein.

Denn der Wert ist nicht immanent im virtuellen Gut angelegt, sondern wird ausschließlich vom Empfänger des Geschenks beigemessen. Die Ausprägung der sozialen Beziehung von Sender und Empfänger spielt für den individuellen Wert eine wesentliche Rolle. So reagiert etwa ein Teenager ganz anders auf das Sexting des Freundes als seine Eltern.

Ähnlich sieht es Umair Haque , Verfasser fast aller Manifeste, wo gibt. Er warnt uns vor dem Wertverlust, der mit Social Media einhergehen soll:

“Ähnlich wie eine Währungsinflation unser Geld entwertet, vermindert die soziale Inflation den Wert unserer Beziehungen. Schon das Wort „Beziehung“ wird dabei verwässert. Es gab Zeiten, da stand es für jemanden, auf den man bauen konnte. Heute sind es Leute, mit denen wir Informationsbits über das Netz austauschen können.”

Da ist er wieder, der Verweis auf die Ökonomie des Sozialen, diesmal der Beziehungen. Aber glaubt da draußen wirklich jemand, dass wegen der anwachsenden Zahl der Facebook-Bekanntschaften die eigene Liebe zu Mutti schwächer wird? Nichts anderes bedeutet Inflation.

Die Erkenntnis, dass Beziehungen unterschiedliche Intensitäten besitzen, ist banal. Es gibt Partnerschaften, Verwandschaften, Freundschaften und Bekanntschaften. Eine schwache soziale Beziehung besteht auch zwischen Verkäufer und Kunde, verirrtem Touristen und auskunftsfreudigem Einheimischen. Das gibt es nicht erst seit Facebook.

Marx macht mobil – bei Arbeit, Sport und Spiel!

Nun ist Umairs Essay über die vermeintliche Social Media Blase selbst nichts anderes als eine bunte Blubberblase. Allein ein Satz ist bemerkenswert:

“Eltern, Kinder, Ehepartner – sie alle verlangen mehrstellige Investitionen von Zeit, Geld, Wissen und Aufmerksamkeit.”

Umair spricht von Investitionen in soziale Beziehungen. Investitionen werden getätigt, weil davon Erträge, bzw. Mehrwert, erwartet werden. Und - Trommelwirbel, Paukenschlag – genau das ist die Antwort auf die Frage Warum?:

Wir investieren in soziale Beziehungen, um Mehrwert zu erzielen. Social Media sind quasi die Brokerage-Plattformen für die Kapitalverwertung.

STOP! Mehrwert? Kapital? Das kennen wir von Marx. Er modellierte, wie aus Geld Kapital wird, indem es der Zirkulation unterworfen ist und über die Investition Mehrwert schafft: Geld (Investition) > Ware (bei Marx: Arbeitskraft) > mehr Geld (Investition plus Mehrwert). Ökonomen nennen das Wertschöpfung.

“Geld allein macht nicht glücklich” weiß jedoch der Volksmund. Da steckt viel Wahres drin: Weil Soziale Beziehungen nicht über den objektiven Äquivalenzwert des Geldes ausgedrückt werden können, kann ökonomisches Kapital nicht das Schmieröl sein, das die sozialen Beziehungen am Laufen hält. Darüberhinaus besitzen soziale Beziehungen keinen Warencharakter, sondern sind unabänderlich auf die in Beziehung zueinander stehenden Personen fixiert.

Daraus ergibt sich die Frage, um was für Kapital es sich handelt und wie die Kapitalverwertung tatsächlich funktioniert. Die Links von Jeff Jarvis, Ibos Farmville-Kuh und die Ebay-Bewertungen von Chris Anderson: Sie alle lassen sich nicht in Geldwert beziffern, besitzen aber für viele Menschen einen Mehrwert.

Soziales Kapital – get it!

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Deshalb werden seit etlichen Jahren diverse Theorien über das Soziale Kapital entwickelt, unter anderem von Größen der Soziologie wie Elias, Adorno, Bourdieu und Putnam. Social Capital ist zu einem zukunftsträchtigen Forschungsgegenstand geworden, nicht zuletzt durch die Entwicklung des Internets und der Online-Communities.

Nan Lin war einer der ersten, der Soziales Kapital im Rahmen von Sozialen Netzwerken untersuchte – das macht seine Arbeit für die Betrachtung von Social Media so wertvoll.

Er definiert soziales Kapital als individuelle Investition in soziale Beziehungen, um Zugriff zu erhalten auf die Ressourcen des Netzwerks, mit denen der erhoffte Mehrwert von eigenen Aktivitäten erzielt werden kann.

Einfacher ausgedrückt: Soziales Kapital “erkauft” den Zugang zu Unterstützung. Laut Lin gibt es für die Form der Unterstützung vier Ausprägungen:

  • Information – Chancen und Möglichkeiten kann nur nutzen, wer sie kennt (“Das beste Digital Team der Welt sucht Kollegen. Digital Head Germany. Mark geht leider zu Adidas.” via @CorneliaKunze).
  • Influence – Wer “ein gutes Wort” für jemanden einlegt, nimmt Einfluss auf (einen) Entscheidungsträger (“#xng Würdet ihr #bitte meine Tochter zum süßesten Enkelkind der Welt wählen? Danke… http://goo.gl/fb/2nzVJ” via @oliverg).
  • Social Credentials – Ob die Beförderung mit neuem Job-Titel oder die Erweiterung des Aufgabenbereichs mit neuen Einflussmöglichkeiten und Zugangsberechtigungen: Der Akteur erhält, für andere sichtbar, soziales Kapital des Netzwerks übertragen, zusätzlich zu seinem persönlichen sozialen Kapital (“Hier twittern Carmen Hillebrand (ch), Michael Hufelschulte (mh) und Thorsten Höpken (th) für Vodafone Deutschland” via @vodafone_de).
  • Reinforcements – Die Bestätigung und Wertschätzung des Akteurs als Teil einer Gruppe, die gleiche Interessen und Ressourcen teilt. Anders als Information, Influence und Social Credentials, stellen Reinforcements keine instrumentellen, sondern symbolische Mehrwerte dar (“There are the good ones. There are the better ones and some Few are the best: @tspe #ff” via @amirkassaei).

Sehr interessant ist Lins Einschätzung, dass “social capital, as a relational asset, must be distinguished from collective assets and goods such as culture, norms, trust, etc.” Zwar würden sich Kausalzusammenhänge zwischen beiden Assets feststellen lassen – diese sind jedoch nicht gleichzusetzen.

Wenn also Berater Social-Media-Strategien verkaufen, die Vertrauen bilden und Glaubwürdigkeit herstellen sollen, läuft das – zumindest aus der Sicht von Lin (hey, nicht die schlechteste!) – am eigentlichen Ziel vorbei.

Aber wie funktioniert das jetzt mit der Kapitalverwertung? Dazu gibt es ein hübsches Schaubild:

Die Kapitalverwertung von sozialem Kapital. Mal wieder total selbsterklärend, typisch Wissenschaftler. Quelle: http://www.insna.org/PDF/Connections/v22/1999_I-1-4.pdf

Was auffällt: Investiert wird soziales Kapital, aber was hinten rauskommt, kann auch den Charakter von ökonomischen oder kulturellen Kapital haben. Ein aktuelles Beispiel für so ein social-rein-economic-raus-thingy ist der Micropayment-Dienst Flattr, von Jannis Kuchartz sehr schön beschrieben.

Grau ist jedoch alle Theorie. Die Kommunikationswissenschaftlerin Nicole Ellison untersuchte derweil empirisch, wie soziales Kapital im Social Web wirkt, nämlich auf Facebook:

“Our research at MSU has examined how students and others use Facebook and the outcomes of their use. Social capital gives us a conceptual framework for measuring the benefits we receive from our social relationships. We believe that Facebook and other social network sites lower the barriers for communication, thus enabling individuals to do things like give and receive social support to their Facebook Friends without the heavier transaction costs associated with face-to-face communication or traditional media.”

Und das Marketing? Denkt vielleicht mal jemand an das Marketing?

Was bedeutet das jetzt alles für Unternehmen? Genau: wer in Social Media erfolgreich mitspielen will, muss Zugang zu den entsprechenden Netzwerken (Stakeholder) bekommen – über die Investition von sozialem Kapital. Dass es sich bei sozialem Kapital nicht nur um eine graue Theorie handelt, verdeutlichen die vielen Corporate-Twitter-Accounts aus dem Bereich Human Resources/Recruiting, z.B. @Daimler_Career.

Als Teil eines Netzwerks (Arbeitgeber Daimler AG) kann @Daimler_Career Absolventen, die Zugang suchen, einen Mehrwert bieten – meistens in Form von Informationen, die einen individuellen Nutzwert besitzen. Aber auch Reinforcements sind keine Seltenheit: “@nervbacke der Gesamtdurchschnitt ist das eine, es geht vielmehr um gute Leistungen in den Kernfächern – los und bewerben!” via @daimler_career.

Der Kraftakt ist die Adaption für das Marketing. Denn hier dreht sich noch alles um (Kauf-) Anreize. Social Media werden als Bühne verstanden und nicht als Netzwerke genutzt. Das kann in die Hose gehen, siehe Nestlé.

Natürlich gibt es Ausnahmen: Auf der ADC Wettbewerbsausstellung 2010 wurde ein Facebook-Quiz von Lukas Lindemann Rosinski vorgestellt: “Welche Agentur passt zu Dir?” Nachdem ein paar lustige Fragen – mit tendenzieller Ausrichtung, logisch – beantwortet wurden, erhielt der Spieler eine Agentur-Empfehlung – in 2/3 der Fälle für LLR (Social Credentials/Reinforcements). Das Ergebnis konnte er direkt an seiner Pinnwand veröffentlichen und die App seinem Netzwerk empfehlen.

Resultat: Die App verbreitet sich in relevanten Netzwerken (Kreative, Schal-Träger) und stellt eine persönliche Verbindung zur Agentur her, weil sie die Zusammengehörigkeit betonte und gleich die notwendigen Kontaktdaten mitlieferte.

Ähnlich agierte eine andere Agentur (vergessen, welche), die Stellenanzeigen als Binärcodes veröffentlichte. Gesucht waren Programmierer, irgendwas spezielles. Wer den Code – eine URL – knackte, bekam ein Herzliches Glückwunsch und eine Direktdurchwahl zur HR-Abteilung (Social Credentials, Information).

Oh… Fällt es noch jemandem auf? Das waren zwei Beispiele aus dem Personalmarketing. Also doch wieder Human Resources/Recruiting.

Ob das etwas zu bedeuten hat?

  • http://www.digitalpublic.de Wittkewitz

    Bereits 1979 hat Lyotard klar gemacht, dass wir Information mit Wissen vertauschen und und beides einer ökonomischen Systematik unterordnen, wodurch das Wissen als Ware entwertet wird. Dadurch zerstören wir den Sinn und den Ursprung von Kommunikation als Austausch und Begegnung von Gedanken und Menschen. Von Währungen im Bereich Web (Social Media) zu sprechen ist der erste und grundlegendste Folgefehler dieser falschen Einordnung.

  • http://www.twick.it Sean Kollak

    Ein sehr unterhaltsamer Artikel. Ich habe nur nicht verstanden, worauf du hinauswillst. Bei all den klugen Thesen und intelligenten Rednern, die du erwähnst, geht es doch auch um Reputation.

    Ich finde die Idee, dass Fame (Reputation, Links, wie auch immer du es nennen willst) die neue Währung im Web ist, sehr interessant. Das Web lebt essentiell von Verlinkung. Da ist die Frage, wem ich vertraue und von wem wir was empfohlen wird, doch auch wichtig. Und gute Dinge will ich fördern, durch Kommentare, Unterstützung, Daumen-hoch und mit einem Flattr-Obolus. So wie jetzt.

  • http://cluetrainpr.de tspe

    Zugegeben, ich habe Lyotard nicht gelesen (Philosophie ist nicht mein Steckenpferd) – dass Wissen, beziehungsweise Informationen, einen Warencharakter haben (können), ist jedoch unbestritten. Analysten-Dossiers, empirische Studien und KPMG sprechen eine deutliche Sprache.

    In einem Punkt muss ich Dir jedoch widersprechen: Sinn und Ursprung der Kommunikation sind kulturell verankert. Es existiert keine politische Motivation per se.

    Nun ist jedoch keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft ohne politische Strukturen denkbar. Aus soziologischer Perspektive sind die Muster interessant, wie Kommunikation für welche Zwecke genutzt wird. Die Instrumentalisierung von Wissen ist nicht allein eine Sache der ökonomischen Systematik, sondern findet sich generell in hierarchischen Strukturen.

    Mit den Währungen hast Du jedenfalls Recht – das ist auch die Intention dieses Postings.

  • http://cluetrainpr.de tspe

    Wie Jörg schon sagte – von Währungen im Social Web zu sprechen, ist ein Fehler. All diese schönen Währungstheorien gehen davon aus, dass User Generated Content bzw. Engagement selbst einen Wert besitzt. Die Wertschöpfung liegt jedoch in den Sozialen Beziehungen begründet.

    Ein Link als solcher ist nichts wert – erst, wenn er auf mein Interesse trifft und sich als nützlich erweist, ist er Mehrwert. Auf interessante Inhalte werde ich durch meine Netzwerke (Menschen, Medien) aufmerksam gemacht. Deshalb wird der Mehrwert durch die im Netzwerk verbundenen Ressourcen erzeugt.

  • Pingback: Thilo Specht()

  • http://luebue.blogspot.com luebue

    Ja. (auf deine letzte Frage)

  • http://cluetrainpr.de tspe

    Aha! Hab' ich's doch gewusst! :-))

  • http://www.talkabout.de/ Mirko Lange, talkabout

    Hallo Thilo, wenn Du mich (miss-)brauchst, um irgendwelche Thesen zu unterstützen, zum Beispiel, dass viele Berater (anders als Du) gar nicht verstehen worum es geht – es sei dir gegönnt. ;-)

    Ich finde es allerdings auch etwas schwach. Denn in dem von dir genannten Artikel ging es in keiner Weise um die Frage das “Sozialen”, wie du den Begriff gebrauchst. Sondern nur um einen (von vielen) Aspekt von “Social” Media, nämlich des Gemeinsamen. Und willst Du bestreiten, dass eine Charakteristik von “Social Media” ist, dass die Menschen die Inhalte gemeinsam gestalten – in Abgrenzung zum Web 1.0, wo nur Redakteure die Inhalte gestaltet haben? Insofern: Schwach zitiert.

    Auch der Satz “Mirko unterstellt den Sozialen Beziehungen von Menschen, nur in der Form der Gemeinschaft zu existieren” ist schlichtweg gesagt: Kompletter Blödsinn. Ich spreche von einem Aspekt von Social Media. Nirgends steht da “nur”. Aber sei's drum. Ich halte das aus :-)

    Inhaltlich glaube ich, dass Du einen Fehler machst. Denn zunächst bedeutet “sozial” tatsächlich zunächst “gemeinsam”, “verbunden”, “verbündet” (von Lateinisch “Socius”, siehe Wikipedia). Wir haben hier ein Problem der Sprache und vor allem auch der Übersetzung!

    Auch wenn Stowe Boyd vom “Sozialen” spricht, das in mobile Geräte eingebaut werden wird, redet er nicht von der “sozialen Beziehung” von der Du sprichst – sondern eben von dem Gemeinsamen. Von gemeinsam erstelltem Content und Austausch. Alles andere wäre ausgemachter (und offensichtlicher) Blödsinn. Bei uns in Deutschland ist “Sozial” ganz anders konnotiert (Sozialismus, Soziale Marktwirtschaft, Sozialamt, Sozialhilfe etc….) als bei einem Ami das Wort “social”. Und mitnichten hatte der Erfinder des Wortes “Social Media” das Sozialamt oder die Sozialhilfe im Sinn.

    Wovon du sprichst, dass ein Unternehmen “soziale Beziehungen” aufbauen kann und sollte, sind allerdings völlig richtige Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Sie sind aber zunächst einmal absstrakt von “Social Media”. Das sind Werte oder Wertschöpfungsprozesse, die auch völlig ohne Social Media gelten. Und natürlich kann ich auch (!) Social Media dafür einsetzen, diese Werte zu leben oder diese Wertschöpfungsprozesse zu unterstützen. Wenn Du nicht nur den einen Artikel von mir gelesen hast, sondern auch sonst verfolgst, was ich so sage, dann würdest Du auch wissen, dass ich da absolut mit dir einer Meinung bin: Wir dürfen Social Media nicht an “Media” messen, und es mit den reichweiten von den bisher bekannten Medien vergleichen. Da wird Social Media immer verlieren. Aber Social Media ist in der Lage “persönliche Beziehungen” zu skalieren. Das ist definitiv eine Stärke von “Social Media” (die auch nur Social Media hat).

    Anders gesagt: Der Umkehrschluss ist unzulässig. “Social Media” kann (!) dafür eingesetzt werden, persönliche (oder “soziale”, wie du sagst) Beziehungen herzustellen, muss es aber nicht. Social Media auf “soziale Beziehungen” und “soziales Handeln” zu reduzieren, würde dem Medium in keiner Weise gerecht werden. Es kann viel mehr – wie ja auch in dem von dir genannten Artikel beschrieben ist.

    Aber wenn du es fundamentalistisch siehst, und meinst, das sei die “einzig wahre” Ökonomie von Social Media – bitte schön. Du schränkst dich damit nur ein.

  • http://cluetrainpr.de tspe

    Hallo Mirko,

    vielen Dank für Deine ausführliche und ehrliche Antwort. Von Missbrauch kann keine Rede sein, auch nicht vom Versuch der Diskreditierung. Du verdienst unbestritten Respekt für Deine Arbeit und Dein Engagement rund um das Thema Social Media.

    Ich glaube nicht, dass ich ein so toller Hecht bin, dass ich es mir erlauben könnte, von oben auf alle anderen herab zu gucken. Deshalb versuche ich immer, meine Postings augenzwinkernd zu schreiben. Ein Polarisieren fördert allerdings auch den Diskurs – Dein Kommentar ist dafür ein Beweis, über den ich mich sehr freue.

    Auch unterstelle ich nicht, dass außer mir keiner Ahnung hat – Du hast es schon gesagt: Ich bin selbst Berater und kein Wissenschaftler. Meine Kenntnisse zum Thema sind, in Relation zu “echten” Soziologen, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, rudimentär.

    Aber, und das kann ich durchaus beurteilen: Die Begrifflichkeiten “Social” und “Sozial” werden in IT und Kommunikation zunehmend unreflektiert verwendet. Das ist schade und führt zu Problemen, wie auch Sebastian Küpers attestiert:

    “Auf den ersten Blick denkt man, es geht darum einen weiteren “Kanal” zu bespielen, einen neuen Trend mit aufzugreifen und auf dem zweiten Blick sieht man, dass fast jegliche Aktion viel tiefgreifendere Implikationen nach sich zieht und z.B. auch Marketingziele dann erreicht werden können, wenn letzten Endes andere Abteilungen wesentlich stärker mit eingebunden werden, oder sogar die operative Verantwortung für ein Projekt tragen.”

    Natürlich meint “Social” in Social Media nicht sozial im Sinne von gemeinnützig, hilfsbereit. Aber es lässt sich auch nicht einfach übersetzen, sondern beschreibt eine Funktionsweise – soziales Handeln – die definiert werden muss.

    Um Social Media im Ansatz verstehen zu können (hey, ich stocher auch nur im Dunkeln!), müssen wir uns aber über diese Funktionsweise verständigen – wir fokussieren aber viel zu stark auf die Technologie, die doch nichts anderes ist als ein Werkzeug.

    Wenn Du sagst, Social Media kann mehr als soziales Handeln, verweise ich darauf, dass soziales Handeln jegliches Handeln ist, dass mehr als meine eigene Person betrifft. Ja, damit sind auch Amazon-Rezensionen, Facebook-Gefällt mir!-Klicks und YouTube-Uploads gemeint.

    Was wir da machen, im Social Web, ist nichts Neues – nur gibt es nun mehr Möglichkeiten zu wesentlich niedrigeren Transaktionskosten. Ich glaube, da sind wir auch wieder beieinander.

    Natürlich kann ich Twitter als RSS-Schleuder missbrauchen – völlig d'accord. Nur wird das optimale Potential, dass Twitter als Netzwerk innewohnt, damit nicht geborgen. Das ist der Punkt, um den es mir geht.

  • http://luebue.blogspot.com luebue

    Und auch noch was inhaltliches: Danke für den tollen Denkanstoß – und mittelbar für das Thema Gemeinschaft/Gesellschaft, das ja in der Soziologie und – vor allem – politischen Philosophie und Sozialethik so wichtig ist. Denn es ist eine sehr wichtige (und auch politische) Grundentscheidung, ob ich Gesellschaft oder Gemeinschaft als Leitgröße wähle.
    Dass du damit mir den realen Anstoß gibst, das auch selbst noch einmal weiter zu denken, freut mich sehr. Allerdings muss ich nun wirklich erstmal denken :)

  • http://twitter.com/bhabegger bhabegger

    So lange social media nicht definiert wird als: “selbstgeschaffener Marktplatz der kreativen Eitelkeiten, gefüllt mit Inhalten durch herzliche Wortakrobaten” ist doch alles in Butter.

    Schönen Freitag.

  • http://www.talkabout.de/ Mirko Lange, talkabout

    Hey, passt schon. Ich liebe Debatten! Das intensiviert sozialen Kontakt :-)

  • http://cluetrainpr.de tspe

    me too! :-)

  • http://www.digitalpublic.de Wittkewitz

    Die Frage ist ja nicht, ob Wissen als Ware gehandelt wird sondern, was mit dem Wissen selbst passiert. Überträgt sich wirklich Wissen, wenn man in Dossiers Daten deutet und damit ein Produkt simuliert. Viele Studien von Beratern landen ja in Schubladen ohne je beachtet zu werden, nur um bestimmte Themen auf eine besondere Weise zu kommunizieren mit Bezug auf solche Studien. Hier sind diese Papers eher Referenzen als Funktion gegen evt. Gegenpositionen. Der eigentliche Sinn hinter Erkenntnis ist ja ein anderer als Manipulation sondern ein Bestimmen von Sachverhalten auf Wahrheit oder Gültigkeit. Die sind nicht per se in solchen Dossiers enthalten.

    Ob und wie Kommunikation kulturell oder naturalistisch zu erklären ist oder ganz anders, ist in keiner Weise allgemeingültig übereinstimmend geklärt. Übrigens ist der Fokus auf Elemente und Strukturen weniger aufschlußreich als der Blick auf die Ebene einer Organisation eines Systems.

  • http://www.twick.it Sean Kollak

    Vielleicht stehe ich ja auf dem Schlauch, aber ist nicht überall, wo etwas getauscht wird, eine Währung im Spiel?

  • http://cluetrainpr.de tspe

    Ersteres ist eine Frage der Handlungsrelevanz – Popper, Adorno, Positivismusstreit – da war was, Zustimmung pur.

    Struktur vs. Organisationsstruktur eines Systems: Am Ende reden wir vom Selben aus unterschiedlichen Denkschulen – würde Dir jetzt einfach ein bisschen Luhmann unterstellen. ;-)

  • http://cluetrainpr.de tspe

    Nö. Eine Währung ist ja ein Tauschwertäquivalent. Wenn ich drei Schafe gegen eine Kuh tausche, ist die Währung ja auch nicht Tier. Noch plastischer: Kartoffeln für Sex – was ist die Währung?

    Geld stellt ein Äquivalent des Tauschwerts da, das, im Gegensatz zu allen anderen Waren, objektiv und universell eingehandelt werden kann.

    Geld exisitiert einfach so, es kann auf der Straße liegen und Du kannst es aufheben und benutzen, weil es einen objektiven Wert besitzt. Wie sieht es mit Unterstützung aus? Die bekommst Du nur von anderen Menschen oder Kollektiven, Du kannst sie nicht losgelöst davon betrachten.

    Also keine Währung, weil nicht objektiv anwendbar.

  • http://www.digitalpublic.de Wittkewitz

    Laut den Systemgläubigen, für mich stellt Systemtheorie eine verquaste Form des Holismus dar, ist Struktur eine andere Kategorie als Organisation. Lustigerweise machen die Systemleute daraus eine Hierarchie, indem die Organisation die Elemente in Strukturen ordnet. Luhman ist aus meiner Sicht in seinem grundlegendsten Gedanken falsch: der Herleitung und Begründung des Begriffs Sinn.

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    Ich bin immer begeisterter von diesem Blog. Ein herausragender Artikel in der Blogosphäre, in der doch eher (in meinem Eindruck) Blogger dominieren mit der Philosophie von Quantität vor Qualität. Besonders gefallen mir die Verweise auf moderne und klassische Literatur. Ich werde mir das Thema Soziales Kapital im Hinterkopf behalten und, sollte ich angenommen werden, in meinem Masterstudium Philosophy&Economics wieder aufgreifen. Darüber lässt sich stunden lang den Kopf zerbrechen. :)

  • http://cluetrainpr.de tspe

    Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass es mit Deinem Studium klappt – die Theorie des sozialen Kapitals verdient definitiv mehr Aufmerksamkeit. :-)

    • http://twitter.com/SMediaSuperhero Michael Mallek

      Danke für’s Daumendrücken. Es hat geklappt ;-)

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    Ich war so frei und habe den Artikel aufgegriffen und kombiniert mit weiterer Literaturrecherche ins Englische übersetzt. Schließlich sollte diese Abhandlung des Themas englischem Publikum nicht vorenthalten bleiben.

    http://socialmediasuperhero.wordpress.com/2010/09/14/karl-marx-dream-comes-true-everybody-is-talking-about-social/

    Natürlich habe ich meine Quellen genannt. Hoffe das ist OK so, ansonsten bitte bei mir melden. ;-)

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