Erst wenn die letzte Zeitung gestorben ist, werdet ihr merken, dass man Überheblichkeit nicht essen kann

Erst wenn die letzte Zeitung gestorben ist, werdet ihr merken, dass man Überheblichkeit nicht essen kann

Der Totensonntag ist vorbei, doch die Trauer um FTD und Frankfurter Rundschau wird noch lange anhalten. Zwei der sechs überregionalen Tageszeitungen stehen vor dem Aus. Plötzlich erhält die Debatte um die Zukunft des „Qualitätsjournalismus“ eine neue Qualität: „Wenn eine Zeitung stirbt, stirbt ein Geist, verstummt eine Stimme. Sie wird nie wieder so erklingen, selbst wenn die Redakteure bei anderen Medien arbeiten und schreiben werden. Das ist traurig und zugleich eine hoffnungsfrohe Erkenntnis“, schreibt Horst von Buttlar so treffend in seiner Kolumne zum Ende der FTD. Eine Zeitung ist mehr als „Papier mit Content drauf“. Sowohl FTD als auch FR sind starke Marken auf einem Niveau, das andere Unternehmen gerne hätten. Sie stehen für Aufklärung, kompetente Informationsvermittlung und – ganz wichtig – Orientierung im Nachrichtendschungel. Die Zeitung ist eine Landkarte für das Tagesgeschehen, zu lesen mit dem inneren Kompass des Rezipienten. Ihr Problem: Das Internet. Sagen Verteidiger des gedruckten „Qualitätsjournalismus“ mit Verweis auf die „Kostenloskultur“ im Netz. Sagen aber auch Apologeten der Digitalisierung und betonen dabei die mangelnde Bereitschaft der Verlage, sich auf neue – digitale – Geschäftsmodelle einzulassen. Was auf der Strecke bleibt: Die Lösung. Denn das Problem ist eigentlich ein ganz anderes. Die Zeugen J3h0v45 Die Timelines da draußen sind voll mit den ausgestreckten Zeigefingern der digitalen Eliten, die mit bedeutungsschwangerer Miene auf die Zeitungskrise deuten. Sie haben es schon immer gewusst. Schon immer gesagt, dass die Verlage besser neue Geschäftsmodelle finden sollten. Sich öffnen sollten für die Kultur des Social Web. Da schreibt der um Gelassenheit bemühte Horst von Buttlar: „Mir persönlich ist es egal, ob Sie diese Kolumne gerade auf Papier oder auf Ihrem iPhone lesen....
Social Media machen dumm – in Echtzeit

Social Media machen dumm – in Echtzeit

[Anmerkung: Das Lesen dieses Textes dauert Zeit.] Vor längerem ließ der Social Media Berater Johannes Kleske per Pressemitteilung verlauten: „Die Gesellschaft entwickelt sich weg von einer hierarchischen, hin zu einer Netzwerkstruktur. Heute geschieht Kommunikation in Echtzeit. In Zukunft müssen auch Unternehmen ihre Strukturen anpassen. […] Alle werden in den Kommunikationsprozess eingebunden sein“. Bam! Ende der Durchsage. Aufgeregtes Gewusel in den Kommunikationsabteilungen der Republik, alles flach, alles schnell, alle alles rund um die Uhr. Als wären PR-Manager die besseren Day-Trader und jeder Unternehmens-Tweet ein schicksalhafter Impuls im Mahlwerk der internationalen Börsen. Das Monitoring-Geschäft boomt, jeder gerade ausgesonderte Satzfetzen, der auch nur im Entferntesten überhaupt nichts mit Marke, Produkt und Unternehmen zu tun hat, wird ausgewertet. Denn der nächste Shitstorm ist nur einen Klick entfernt und kann praktisch sofort losgehen. Social Media Manager sind dieser Tage Gralshüter. Der heilige Kelch, aus dem sie beständig nippen, enthält den Nimbus der Rastlosigkeit. Ihre Antwort auf alle Fragen ist nicht 42, sondern 24/7. Und sie arbeiten gerade daran, die Kommunikationskultur ihrer Arbeitgeber zu zerstören. Echtzeit – nur echt mit 24 Stunden Zugegeben, um die Kommunikationskultur der Unternehmen war es in vielen Fällen auch vorher nicht gut bestellt. Doch mittlerweile identifizieren immer mehr Kommunikatoren Facebook als dieses turbo boosting Social Media und werden von einschlägigen Beratern penetrant bestärkt, dort gefälligst ihre Zielgruppen zu treffen – weil, auf Facebook sind alle, nich‘ wahr? Die Facebookisierung der Kommunikation treibt seltsame Blüten weit über die Domäne des blauweißen Giganten hinaus. Kommunikation im Netz wird zunehmend als ein Haufen stark fragmentierter Versatzstücke aufgefasst. Die scheinbar einzige Struktur in diesem Chaos bildet die Zeit – und, der Informatik sei Dank,...
Ganz im Vertrauen – Gute Blogger brauchen Freunde! | LearnTank 03/12

Ganz im Vertrauen – Gute Blogger brauchen Freunde! | LearnTank 03/12

Das sind die Folien und Notizen meines Vortrags zum Thema „Vertrauen“, den ich  auf dem Learntank „Blog Vermarktung“ im BASE_camp am 30. Mai 2012 hielt. Die Folien habe ich auf einem iPad mit der App Paper und einem Just mobile AluPen erstellt. Alle Bilder könnt ihr unter der Lizenz „CC-BY-SA Thilo Specht / Burson-Marsteller Deutschland“ gerne für was auch immer verwenden. Was es heißt zu vertrauen, weiß jeder von uns. Das iPhone 5 mit 128 GB Speicher für günstige 799 Euro bei einem Anbieter mit der Domain billig-iphone.ru – allerdings nur gegen Vorkasse. Wer würde da zugreifen? Niemand. Das Angebot ist wenig vertrauenerweckend. »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser«, weiß der Volksmund. Mit Kontrolle lassen sich Risiken umgehen, mit Transparenz minimieren. Im Vertrauen werden Risiken jedoch bewusst akzeptiert. Sascha Lobo nennt dieses Verhältnis das Apfelkuchenprinzip. Seine Großmutter hütete das Apfelkuchenrezept wie ein Staatsgeheimnis und sagte der Familie: »Ihr müsst mir schon vertrauen, dass ich das richtig mache. Der Apfelkuchen schmeckt doch.« Der Unterschied zwischen billig-iphone.ru und Saschas Oma: Letztere gehört zur Familie, besitzt also einen Vertrauensvorschuss aufgrund der Intimität zwischen Großmutter und Enkel. Eine größere Nähe bedeutet auch mehr Vertrauen. Menschen, die uns nah stehen, haben sich unser Vertrauen verdient. Die Nähe zueinander stellen wir unter anderem über die Äußerung von Gefühlen her. Gefühle sind verletzlich – sie auszusprechen birgt ein Risiko. Das nehmen wir im Vertrauen auf das Taktgefühl des Gesprächspartners bewusst in Kauf. Wird unser Vertrauen nicht enttäuscht, entsteht Vertrautheit, sprich Nähe. Oder wie der Soziologe sagt: Eine Beziehung. Im Social Web manifestieren sich Beziehungen über viele Gesten und symbolische Handlungen. Dazu gleich mehr. Jede Beziehung besitzt...
Die ZONGO Limone Story – ein Insiderbericht

Die ZONGO Limone Story – ein Insiderbericht

12 Tage Wahnsinn. Das war ZONGO Limone, ein Meme, das eigentlich so bedeutend nicht war in der Medienlandschaft. Das jedoch zu einem so intensiven Erlebnis wurde, dass es ohne Mühen den Großteil meines Tages für sich vereinnahmte, fast zwei Wochen lang. Es hat großen Spaß gemacht. Deshalb fällt auch die Retrospektive etwas größer aus – und hoffentlich unterhaltsam. Vielen Dank an alle, die sich auf ZONGO Limone eingelassen haben, das Meme mit Leben füllten! Diese Geschichte ist unsere Geschichte. Um sie zu erzählen, eignet sich Storify vielleicht nicht am besten, ist aber am effizientesten in der Nutzung. Bitte habt ein wenig Geduld, wenn dieses Web 2.0 mal wieder etwas länger braucht beim Laden. [View the story „DIE ZONGO LIMONE STORY“ on Storify] Falls das Script nicht ausgeführt wird: Hier geht es zu Storify: https://storify.com/tspe/die-zongo-limone-story  ...
Facebook II – The Empirie Strikes Back

Facebook II – The Empirie Strikes Back

Mark Zuckerberg ist ein Genie. Er ist Visionär, Coder und Businesskasper in Personalunion. Und, wenn man dem sehr unterhaltsamen Film zum Network glauben darf, auch ein ausgemachter Zyniker. Als ob das nicht reichen würde, beherrscht er noch eine einzigartige Fähigkeit: Den Jedi-Mind-Trick. Gestern – Facebook hatte zur f8 Developer Conference geladen – stand er auf der Bühne, erzählte von der neuen Timeline, ihrer Funktion als „Lebens-Log“ und dem erweiterten Open Graph. Ein Foto seines Hundes Beast ist zu sehen, als Cover der Timeline. Jay-Z ist zu hören, der Song rauscht durch den neuen Ticker. Aber da steht jetzt nicht mehr „Mark und Hinz & Kunz gefällt das“ – sondern „Mark hört gerade einen Song von Jay-Z“. Später wird Chris Cox, Director of Product über „data as a narrative“ sprechen. Wie Informationen verarbeitet und strukturiert werden. „It is not just topics. There is nothing we love to summarize more than time itself.“ Summarize – da hätte man aufhorchen können. Wenn nicht Zuckerberg diesen Jedi-Mind-Trick beherrschen würde, der alle Welt glauben lässt, es ginge bei Facebook II um die personenzentrierte Datenverarbeitung – von Nutzern und Werbern gleichermaßen. Dabei interessiert sich Facebook einen Scheißdreck für die Nutzerdaten. Denn etwas sehr viel Wertvolleres, Macht versprechendes, gelangt mit dem Erfolg von Facebook II in unmittelbare Reichweite der Klauen von Zuckerberg und Co. Pick Up the Pieces Die Tragweite dessen, was da vorgestellt wurde, ist in der (deutschen) Blogosphäre offenbar noch nicht angekommen. Da spricht man vor allem wieder über Werbung und Datenschutz, darauf ist Verlass. Stellvertretend das Gesäusel von Social-Media-Berater Thomas Knüwer in bekannter Entdecke-die-Möglichkeiten-Manier: „Für Unternehmen mit Produkten wie Inhalten eröffnet das neue...
Im Bann des Kraken: Die 17 ultimativen Tweets über Paul, das Wunder von Oberhausen

Im Bann des Kraken: Die 17 ultimativen Tweets über Paul, das Wunder von Oberhausen

PR kann so einfach sein. Nimm einen Kraken, lass ihn WM-Spiele vorhersagen, filme ihn dabei und – schwupps – stürzt sich die gesamte internationale Presse auf dich und nennt dein Unternehmen brav im Boulevard, dem Sportteil und den Nachrichten. So einfach ist es dann doch nicht. Die Trefferquote muss auch stimmen. Der Krake Paul aus Oberhausen hat eine fantastische Quote von 100%. Er hat alle Spiele der deutschen Mannschaft richtig vorhergesagt. Bestens dokumentiert auf seiner eigenen Facebook-Seite. Leider auch das gegen Spanien. Damit kam er in die Negativschlagzeilen. Vor allem auf Twitter machte sich der enttäuschte Mob Luft. Wie immer bei solchen Gelegenheiten sind ein paar echte Perlen unter den Reaktionen. Es folgt die Auswahl der lustigsten 17 Tweets über Paul, den Kraken, den Knut des Oberhausener Sealife! Übrigens: Wer dem kleinen Racker eine persönliche Botschaft übermitteln möchte, schreibt an paul@sealife.de Breaking: Gerade sagte Paul den Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Uruguay voraus! Amnestie für Paul? Und hier noch ein Schmankerl für den kulturell interessierten Fußballfreund: Update 13.07.2010: Hinter Paul und seinen Vorhersagen steckt übrigens die PR-Agentur Dederichs, Reinecke & Partner aus Hamburg. Ehre, wem Ehre...