Der Bundestag hat eine neue Website für das Internet der 90er

Der Bundestag hat eine neue Website für das Internet der 90er

Heute um 11.00 Uhr wurde in einer Pressekonferenz mit Bundestagspräsident Norbert Lammert der Website-Relaunch des Bundestags vorgestellt. Bei einer Website, die immerhin 4 Millionen Unique Visitors im Monat aufweist, ist einiges zu erwarten. Repräsentative Auftritte wie der des Weißen Hauses haben in letzter Zeit die Hoffnung genährt, die politische Klasse würde das Internet für sich entdecken und es für eine bürgernahe und partizipative Kommunikation nutzen.

Man wird ja noch träumen dürfen. Der aktuelle Auftritt kommt aus einer Zeit, in der morgens AOL-CDs die Briefkästen verstopften und eBay noch Alando hieß. Die fragmentierte Portalstruktur hat so viel Sex-Appeal wie ein Kleinanzeigenportal für gebrauchte Waschmaschinen. Schlimmer noch ist die Navigation: Hier tritt der Lost-in-Web-Effekt schon beim Aufpoppen der Secod-Level-Navigation auf. Dass die Website unter OS X 10.5.7 und Firefox 3.0.5 fehlerhaft angezeigt wird, fällt da kaum noch ins Gewicht. Die Intention der Website? Die offizielle Pressemitteilung verrät es:

„Im Mittelpunkt des neuen Angebots – www.bundestag.de – stehen bewegte Bilder. Debatten und Ausschusssitzungen mit Hintergrundinformationen werden live übertragen. Das Parlament präsentiert sich allen Bürgerinnen und Bürger übersichtlich und täglich aktuell.“

Von den bewegten Bildern, die im Mittelpunkt stehen, gibt es auf der aktuellen Startseite genau null. Zero, niente, nada. Kein einziges Video ist dort vorhanden. Update: Mittlerweile ist ein Videointerview mit Norbert Lammert auf der Startseite. Als dieser Artikel geschrieben wurde, war da noch ein Bild. Um überhaupt Videos zu finden, quält der Besucher sich entweder durch eine gefühlte Hundertschaft an Navigationspunkten oder bemüht – wie so oft – die Suche. Usability ist in der Politik eben nicht besonders beliebt.

Ein komischer Vogel: Der virtuelle Bundesadler.

Ein komischer Vogel: Der virtuelle Bundesadler.

Dennoch ist Norbert Lammert von der neuen Seite begeistert. Dass sie ihn nicht stört, hat einen Grund: Er bezieht seine Informationen eben nicht von der Website, sondern beauftragt seine Mitarbeiter mit der Recherche, wie er freimütig in der Pressekonferenz mitteilt. Auch findet der Bundestagspräsident das Killerfeature der Website – den virtuellen Berater in Form eines Comic-Bundesadlers – sehr gelungen. Wer weiß: Was in den letzten zehn Jahren floppte, funktioniert vielleicht heute?

Wird der knuffige Adler mit einer Frage konfrontiert, auf die er keine Antwort weiß, weicht er in souveräner Politiker-Manier aus, etwa so:

„An dieser Stelle muss ich Ihnen mitteilen, dass ich als Webagent nicht über ausreichendes Wissen und Intelligenz verfüge, um mich zu diesem ernsten Thema angemessen äußern zu können. Schlagen Sie doch mal ein anderes Thema vor.“

Klar. Auf die subtile Frage „Bist Du ein Terrorist?“ ist das sicher nicht die schlechteste Antwort. Macht sie uns doch begreiflich, dass wir uns für die falschen Themen interessieren, was gefährlich werden kann. Das Berufsbild Webagent kommt wahrscheinlich aus dem Innenministerium. Sei’s drum.

Wie heißt es in der Pressemitteilung? „Das Parlament präsentiert sich […]“. Und genau so ist es. Es präsentiert sich mit der überkommenen Vorstellung, das Internet diene allein der Push-Kommunikation. Bürger haben keine Möglichkeit, an der Seite zu partizipieren. Außer E-Mail-Adressen, Telefonnummern und postalischen Adressen stehen keine weiteren Touchpoints für Besucher der Seite zur Verfügung. Die Videos, die zum Teil fehlerhaft verlinkt sind, lassen sich nicht kommentieren oder mit anderen teilen.

Dass diese Form der gestaltenden Internetnutzung in der politischen Klasse nicht bekannt ist, wurde schon in der Debatte um Internetregeln und -gesetze deutlich. Weil diese anachronistische Website jedoch mit Steuergeldern bezahlt wurde, ist es besonders frustrierend, zu sehen, mit welcher Naivität die Verantwortlichen das Thema behandeln. Oder, wie Norbert Lammert in der Pressekonferenz sinngemäß sagte: Er nutzt das Internet ja eher privat.

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  • http://twitter.com/fwhamm Frank Hamm

    Der Bundestagsadler ist auch nicht sonderlich wissend: http://www.flickr.com/photos/injelea/3814687328/

    „Wer ist Ursula von der Leyen?“

    „Ursula ist, soweit ich weiß, ein Vorname. Heißen Sie vielleicht so?“

  • http://www.neosushi.de/ nils Bremer

    kapier ich nicht – direkt auf der Startseite ist doch schon das erste Video zu sehen: mit Norbert Lammert.

  • http://cluetrainpr.de tspe

    Nils: Jetzt ist es online, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels war da noch ein Bild. Danke für den Hinweis, ich vermerke das im Text.