Evangelisten brauchen wir nicht – Interview mit Harald Ille, dem offiziellen Twitterer der Stadt Frankfurt

Evangelisten brauchen wir nicht – Interview mit Harald Ille, dem offiziellen Twitterer der Stadt Frankfurt

Am 24. Juni 2009 machte via Twitter der Account @Stadt_FFM die Runde. Das Presse- und Informationsamt Frankfurt am Main hatte das Microblogging für sich entdeckt. Vom ersten Tag an twittern Harald Ille und Jana Kremin in meist kurzweiligen Tweets zu Ereignissen und Fundstücken rund um die Stadt Frankfurt, ohne auch nur in ein einziges Fettnäpfchen der Online-Kommunikation zu treten. Nach 40 Tagen hat der Account schon 600 Follower. Auf fragwürdige Aktionen für schnelles Wachstum wurde bisher konsequent verzichtet. Dafür enthalten die Tweets meist einen relevanten Mehrwert für die Leser.

Grund genug für ein Interview mit Harald Ille über die ersten Erfahrungen eines kommunalen Amtes mit Twitter.

Was sind eure Aufgaben in der Stadtverwaltung?

Ich bin der Redakteur des täglichen Pressedienstes der Stadt Frankfurt am Main, der an 1.400 Empfänger in der ganzen Rhein-Main-Region geht. Jana absolviert bei uns ihr journalistisches Volontariat und bekommt Einblicke in alle Bereiche der PR (nicht nur online), erstellt Podcasts und schreibt nette Geschichten rund um Frankfurt.

Gehört Online-PR zu eurer täglichen Arbeit?

Online-PR gehört nicht unmittelbar zu unseren Aufgaben – dafür haben wir die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und eine Online-Redaktion. Aber wir twittern.

Wer hatte die Idee, die Stadt Frankfurt twittern zu lassen? Was war der Auslöser?

Die Idee hatte ich – durchgesetzt hat sie aber die Oberbürgermeisterin Petra Roth persönlich: Sie hat auf einem Social-Media-Vortrag Twitter gezeigt bekommen, vor allem die Tweets von Hamburg und San Francisco haben ihr so gefallen, dass sie noch in der Veranstaltung verfügt hat: „Die Stadt Frankfurt twittert ab sofort auch!“ Also haben wir umgehend damit angefangen und waren nur fünf Stunden später „draußen“.

Gibt es einen Social Media Evangelisten bei euch? Zwitscherte schon vorher jemand aus eurem Team?

Evangelisten, egal welcher Provenienz, haben wir keine im Amt (brauchen wir auch nicht… ;-)). Aber ich hab ein paar Wochen vorher angefangen zu zwitschern.

Wie lange dauerte es von der Idee zur Umsetzung?

Die Umsetzung hat – wie gesagt – nur knapp drei Stunden gedauert. Und das nur, weil wir gleich mit einem handgestrickten, aber dafür individuellen „Design“ (*hust*) starten wollten – und das mussten wir noch schnell zusammenbasteln.

Wie seid ihr an das Thema rangegangen?

Inhaltlich war der Weg klar: Wir wollen eine Frankfurt-Community mit Infos aus der Stadt versorgen, und zwar mit Charme. Content haben wir auf frankfurt.de genug – auch sehr versteckten, den wir via Twitter bekannter machen können. Wir wollen Nachrichten aus der Stadtverwaltung, Veranstaltungtstipps und ein „Frankfurt-Feeling“ verbreiten. Diese Idee kann man kaum Konzept nennen – sie lag einfach auf der Hand.

Habt ihr prominente Fürsprecher? Wurdet ihr beraten?

Die prominente Fürsprecherin wurde schon erwähnt – unser Stadtoberhaupt persönlich. Beratung im klassischen Sinne hatten wir keine, aber ich hatte mich vorher ein wenig eingelesen in die vielen, vielen Tipps, die die „Evangelisten“ so verbreiten im Netz. Hauptsächlich aber haben wir uns bei Prof. Thomas Pleil Infos abgegriffen.

Habt ihr euch auf Richtlinien geeinigt und wenn ja, auf welche?

Wir haben ein kleines Konzept: Die Community begrüßen und ernst nehmen, auf Hinweise und „Mentions“ weitgehend sofort reagieren. Grundsätzlich kann alles, was wir redaktionell bearbeiten, auch getwittert werden; wir schauen nur, ob es für die Zielgruppe „internetaffine Frankfurter“ auch tauglich ist. Nicht jede Meldung kommt dafür in Frage (Baumfällungen, manche Straßensperrungen). Bei den Veranstaltungstipps möchten wir die nicht ganz alltäglichen, nicht ganz „mainstreamigen“ Events pushen. Grundsätzlich möchten wir Frankfurt als liebenswerte, humorvolle, freundliche und serviceorientierte Kommune, in der es sich unheimlich gut leben lässt, profilieren. (Und hoffen, dass uns das ein Stück weit gelingt…)

Gibt es Schwerpunktthemen?

Wir haben auch einige Schwerpunktthemen identifiziert: Stadtentwicklung, die Stadt entdecken, frankfurt.de entdecken. Als tägliche Rubrik bringen wir den „Frankfurt Tipp des Tages“, der auf unbekannten Content auf frankfurt.de verlinkt („longtail“ wäre wohl ein falscher Ausdruck…).

Welchen Stellenwert nimmt Twitter in eurer Kommunikation ein? Ist es zusätzliche Arbeit oder wurde zugunsten von Twitter auf andere Aufgaben verzichtet?

Twitter ist eine Zusatzarbeit. Da wir aber beide Spaß daran haben und der Content ohnehin vorliegt, hält sich die zeitliche Belastung in (noch) engen Grenzen.

Haben sich durch die Nutzung von Twitter die Prioritäten eurer Arbeit verschoben?

Die Prioritäten der Arbeit haben sich graduell verschoben: Wir veröffentlichen Content früher als bisher (damit wir einen Tweet machen können), wir „scannen“ frankfurt.de intensiver und finden selbst überraschende Sachen, und wir kommen endlich mal in richtigen 1:1-Kontakt mit den Nutzern/Lesern/Abonnenten! Als reine „Presse-Agentur“ erhält man so gut wie kein Feedback – das ist bei Twitter völlig anders!

Welchen Stellenwert nimmt Twitter in eurer Kommunikation ein?

Der Stellenwert von Twitter ist mittlerweile gleich hoch wie der unserer „normalen“ Arbeit – anders geht es auch nicht, bin ich überzeugt.

Welche Ziele verfolgt ihr mit der Nutzung von Twitter?

Programmatisch: Frankfurts schöne, interessante, unbekannte, hilfreiche Seiten bekannt machen. Frankfurt als moderne digitale Metropole positionieren, die ihre Bürger/Follower sehr ernst nimmt und mit ihnen in engen Kontakt treten will. Pragmatisch: Einen kostenlosen Kanal für die Stadt-PR nutzen, ehe man viel Geld für andere Medien und Kanäle ausgibt (ist ja schließlich Steuergeld!).

Gibt es Vorbilder, an denen ihr euch orientiert?

Vorbilder haben wir derzeit keine identifiziert.

Müsst ihr über eure Zwitscherei bei den Vorgesetzten berichten? Wertet ihr Daten und Fakten zu eurem Account und den geführten Konversationen aus?

Bislang wurde noch kein Bericht angefordert. Eine Auswertung nehmen wir nicht vor – wir freuen uns einfach über jeden neuen Follower und leiten Anregungen an die zuständigen Stellen weiter.

Nach welchen Kriterien folgt ihr anderen Twitterern?

Wir folgen anderen Twitterern, wenn sie a) aus der Region stammen und b) mindestens eine Handvoll eigener einigermaßen sinnhafter Tweets abgesetzt haben.

Beantwortet ihr grundsätzlich alle Replies?

Wir beantworten nicht grundsätzlich alle Replies, aber doch grundsätzlich alle, die eine Frage an uns beinhalten. Reine „Mentions“ beantworten wir nicht unbedingt. Am FollowerFriday beteiligen wir uns derzeit nicht.

Hat sich ein fester Kern von Followern gebildet, mit dem ihr regelmäßig Gespräche führt?

Es hat sich auch ein fester Kern von Followern gebildet, ja, aber längere Konversationen führen wir nicht (öffentlich), weil Zwiegespräche die anderen Follower langweilen (könnten). Wir wollen eigentlich mit jedem Tweet informieren – und eben nicht debattieren.

Wie lautet euer Resümee nach den ersten 40 Tagen Twitter?

Twittern macht derzeit wirklich großen Spaß (ich hoffe, das merkt man unseren Tweets auch an). Das Feedback war bisher durchweg begeistert. Die Nutzung ist ein Erfolg – vor allem, wenn man eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen würde. 600 Follower, also 600 echt an Frankfurt-Themen Interessierte, erreichen wir zu null Kosten (Personalkosten nicht gerechnet). Eigentlich müsste jeder twittern…