Nein. Facebook wird leben. Und ihr werdet euch noch wundern.

Nein. Facebook wird leben. Und ihr werdet euch noch wundern.

Der sehr geschätzte Wolfgang Lünebürger-Reidenbach veröffentlichte gestern in seinem Blog die These, dass Facebook sterben wird. Stark verkürzte Begründung: „Wir werden also in den nächsten Jahren einen Dreikampf im Konsumentenmarkt erleben. Microsoft mit Facebook gegen Apple mit Twitter gegen Google. […] Facebook wird mit Microsoft untergehen, wenn der de-facto Standard Windows zu Ende geht.“

Lieber Wolfgang, diese These halte ich für gewagt, weil zu kurz gegriffen. Diese drei Anbieter auf die Stream-Services zu reduzieren, wird ihrem Potential nicht gerecht. Zwar habe ich keine Glaskugel hier rumstehen, aber genug Fantasie, um mir noch viel gewagtere Szenarien auszudenken. Es kommt alles viel schrecklicher!

Märkte sind Gespräche. What’s the Word? Märkte!

Google kauft Motorola Mobility, Twitter liebt Apple, nur Facebook kackt ab, weil Microsoft das einzige hässliche Überbleibsel bei der Damenwahl ist. Die Armen. Das wünscht man niemandem. Es scheint, als wären die Strategien der großen Social Media Services mehr oder weniger identisch: Ziehe so viele nutzbringende Daten aus Deinen Mitgliedern, wie Du kannst, und verdiene Dir eine goldene Nase damit. Warum das ein lukratives Geschäftsmodell ist, hat Christoph Kappes kürzlich erklärt.

Google hat dafür eigens den Identity Service Google+ aus der Taufe gehoben, mit Klarnamenzwang für valide Datenerhebung. Facebook setzt auf Nutzerprofile, die sich – durch bloße Nutzung – über die Zeit mit immer mehr personenbezogenen Informationen füllen, und Apple ist bereits in Besitz von Millionen Kreditkartensätzen weltweit, on top zu den AppleID-Accounts inklusive Daten über deren Einkäufe im iTunes-Store und In-App-Käufen.

Wenn die Datenverwertung wirklich die Strategie sein sollte, haben Facebook und Apple einen gewaltigen Vorsprung. Ob die Verzahnung von Facebook mit Microsoft- und anderen Produkten gelingt, ist bei über 700 Millionen Mitgliedern erst einmal ein nachrangiges Problem.

Inspiration für Mark Zuckerberg: Die Dreigroschenoper

Die Datensammelwut der großen Drei hat ihnen bereits einige Aufmerksamkeit beschert. Sogar zum SPIEGEL-Titel haben es Google und Facebook damit schon gebracht. Lauert etwa wirklich das Böse hinter den Firewalls der eigentlich so sympathisch auftretenden Mega-Internet-Klitschen?

Wenn ja, ist das eine ziemlich gute Voraussetzung für folgendes Szenario. Um es mit den Worten von Bertolt Brecht zu sagen: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Genau. Facebook hat nicht nur über 700 Millionen Datensätze, sondern über 700 Millionen Kunden. Man stelle sich vor, das Unternehmen erwirbt eine Banklizenz und bietet seinen Bestandskunden (Online-)Banking- und Investment-Produkte an. Auf der Grundlage von Markt- UND Netzwerkeigenen Daten. Inklusive sicherer Bezahlmöglichkeiten in den großen Shops wie Amazon, eBay und Co. (Tschüss Paypal, ich kann mir Deine Passwörter sowieso nie merken). Direktüberweisungen direkt aus dem Profil heraus, an das Profil eines anderen Mitglieds. Mobile Payment. Hört ihr sie rascheln, die Scheinchen? Die Facebook International Bank kann global agieren, weil sie schon überall vor Ort ist. Weil die Kunden schon alle an Bord sind. Weil die Investmentprojekte schon alle Facebook-Seiten haben. Weil die Infrastruktur schon steht.

Was ist ein Streaming-Service gegen die Gründung einer Bank?

Everything goes on Google OS

Wir vergessen in unserer Kommunikationsberater-Dösigkeit viel zu oft, dass das E-Business noch ganz andere Möglichkeiten als Werbung und Shopping bereit hält. Nehmen wir den Trend Cloud Computing: Sogar im Consumer Bereich findet dieser Marketing Buzz seine Fürsprecher, etwa Apple mit iCloud; und Microsoft verdanken wir Meisterwerke wie „Claudia hat in der Cloud Klaus das Herz geklaut„.

Wenn Wolfgang mit dem Untergang Micosofts recht hat (ich würde es nicht bemerken), bedeutet das auch, dass Google das neue OS ist. Aus der Cloud. Für mobile wie Desktopgeräte. Und noch viel interessanter: Für Office-Arbeitsplätze. Man stelle sich Managed Desktop Services von Google für alle Fortune 500 Unternehmen vor. Alle auf Google OS basierend. Schnittstellen zu SAP-Anwendungen und Bereitstellung aus der Cloud. Kurzum: IT-Services, gehostet im eigenen ultramodernen Rechenzentrum, basierend auf eigenen Produkten und geleistet durch günstige Subunternehmer in den emerging markets.

Wenn Google hier tatsächlich zu einem marktbeherrschenden Anbieter werden sollte, sind die Werbeeinnahmen Peanuts. Nur mal so zum Vergleich: Google machte 2010 rund 29 Mrd. USD Umsatz, Royal Dutch Shell hingegen fast 370 Mrd. USD. Das ist ein Unterschied. Mit dem oben beschriebenen Szenario wäre er aufzuholen.

Zugegeben: Für dieses Szenario braucht man viel Fantasie. Die Konkurrenz in diesem Geschäft ist wesentlich größer als „nur“ Apple und Facebook. Doch Google arbeitet bereits daran. Die Apps sind ein Anfang.

Noblesse oblige

Und Apple? Passt eigentlich am wenigsten in dieses Triumvirat. Was an Apple so toll ist, kann euch am besten der Amir erklären:

„Apple ist kein Unternehmen und keine Marke. Apple ist eine Idee, und zwar eine Idee, die Welt besser zu machen.“ Und über Steve Jobs: „Er wusste immer wohin die Trends, wohin die Technik geht. Vor allem aber wusste er, wie er diese Technik einsetzen muss, damit die Menschen den größten Nutzen davon haben.“

Jetzt kann man zu Apple stehen, wie man will, aber was Usability angeht, kommt tatsächlich kaum ein anderer Anbieter an Apple ran (hey, und das Marketing ist auch geil). Apple ist Handwerk. Handwerk auf wissenschaftlichem Niveau mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund. Kein anderer Hersteller verfolgt derart konsequent das KISS-Prinzip in all seinen Produkten.

Nun ist Apple aber auch ein geschlossenes System. Als solches wird es sich nur schwer mit den jetzigen Produktkategorien weiterentwickeln können. Auch Software ist keine Option und Social Networking schon gar nicht. Es hat einfach nicht Ping gemacht.

Nein, Apple bleibt bei seinen Leisten. Die Symbiose aus perfekter Hardware und Software wird auch weiter im Fokus des Unternehmens aus Cupertino stehen. Aber es werden weitere Produktkategorien dazukommen. Der Apple Fernseher wurde schon in der Gerüchteküche angekündigt. Doch das kann erst der Anfang sein.

Man stelle sich Exklusivverträge mit einschlägigen OEMs wie Audi, BMW oder Mercedes vor. Die verbauen längst schon Markenware, wie zum Beispiel Soundsysteme von Bose. Warum also nicht ein Apple Informationssystem mit Head-up Display, Navigation, Apps und vielen tollen unvorstellbaren Sachen, die nur in Cupertino ausgedacht werden können? Der Preis wäre egal, es würde sich besser verkaufen als jedes MMI plus oder iDrive. Die Bindung des Partner-OEMs an Knebelverträge? Unbezahlbar.

Mini hat das mit Apple schon mal angedacht – achtet genau auf den weißen Scooter.

#pff.

Drei Unternehmen, drei Geschäftsmodelle und keins hat etwas mit Stream-Services zu tun. (Ach ja, Twitter spielt überhaupt keine Rolle. Behaupte ich mal so.) Natürlich sind diese Modelle genauso aus der Luft gegriffen und nichts wert, wie Wolfgangs Prognosen und überhaupt jede Prognose da draußen in den Interwebs.

Denn Jobs, Page/Brin und Zuckerberg wären nicht so erfolgreich und vielleicht auch brillant, wenn sie uns nicht ständig überraschen könnten. Warum sollte das ausgerechnet bei den Geschäftsmodellen anders sein?

UPDATE: Martin Recke veröffentlichte heute just im selben Moment ein Posting auf dem fischmarkt, das ebenfalls auf die Bankwerdung Facebooks anspielt. Kann das Zufall sein? 😉

UPDATE 2: Christoph Kappes hat das Thema Banking on Identity toll aufbereitet, kudos!

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    Hmmm. Klingt alles so einleuchtend, so  zwingend. Und trotzdem weiß ich nicht so recht: Google und ’ne Banklizenz – passt das wirklich zusammen? Siemens war auch immer als Bank verschrien, aber soweit ich weiß, sind die immer noch keine (oder?). Andererseits hat jeder kleinere Konzern ne eigene Bank, von der Degussa hier in Frankfurt über VW  und Daimler zu KarstadtQuelle (okay, die Bank heißt jetzt anders.)  Was bedeutet: Soooo dolle ist es auch nicht, Bank zu sein. Also, irgendwie reimt sich mir das alles nicht so recht zusammen…  

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      Zwingend würde ich es nicht nennen. Nur eins von vielen denkbaren Modellen. Bei Google sehe ich das Bankmodell auch nicht wirklich, dafür ist IMHO Facebook prädestiniert. 
      Google+ ist zu unbedeutend und ich bzweifle, das es wirklich mal riesig wird – also über 500 Mio. Nutzer. 
      Dieser Kundenstamm von Facebook ist es, der das Banking-Modell plausibel macht. Ich habe via Facebook so viele Touchpoints zu relevanten Hubs in meinem Leben (Freunde, Arbeitgeber, Shops, Versicherungen, Dienstleister, etc.), dass der direkte Geldverkehr über keine andere Plattform so gut abgebildet werden kann.
      Mit dem richtigen Anreizmodell bekommst Du sie alle – nimm die Miles&More-Visacard von Lufthansa als Beispiel…

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  • Jochen Bachmann

    Macht ein Bankenmodell für Facebook oder Google wirklich Sinn? Als Bezahldienstleister auftreten eher, Google hat hier sein Checkout. Aber sich die ganzen rechtlichen Vorschriften aus dem Bankensektor antun….für was?

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      Nun, für eine Menge Geld zum Beispiel. :-)
      Kaum eine Branche ist so lukrativ wie die internationale Finanzbranche. Geht es Deinem Unternehmen gut, brauchst Du Kredite, um investieren zu können. Geht es Deinem Unternehmen schlecht, brauchst Du Kredite, um überleben zu können.
      Mit dem Geld Deiner Kunden kannst Du spekulieren – gerade hier kann Facebook der gigantische globale Datenschatz, den es angehäuft hat, zum Vorteil gereichen.
      Wermutstropfen: Ausgerechnet in den emerging markets Brasilien und Indien ist Facebook nicht die Nummer 1, in China sowieso nicht.

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