Nicht Nachrichten, sondern Revolution machen wir!

Nicht Nachrichten, sondern Revolution machen wir!

Die iranische Bevölkerung erhebt ihre Stimme. Vor einem Monat wurde aus ihrem Protest gegen den Wahlbetrug der Regierung Ahmadinedschad der blutige Versuch einer Revolution. Die Menschen werden ihr Ziel erreichen. Es ist lediglich eine Frage der Zeit. Unmöglich ist dagegen die Berichterstattung vor Ort. Die iranische Diktatur unterbindet jegliche Versuche ausländischer Journalisten, in Kontakt mit den Oppositionellen zu treten. Die Presseausweise iranischer Journalisten, die für ausländische Medien arbeiten, wurden für ungültig erklärt.

Dennoch erreichen uns seit Wochen eine Vielzahl von Mitteilungen, Bilder und Videos aus dem Iran. Zornige Demonstranten filmen mit ihren Handykameras und verbreiten die Videos über YouTube im Netz. Kurze Mitteilungen werden über Twitter ausgetauscht, längere Berichte werden auf Facebook und in Blogs veröffentlicht. Auf Flickr finden sich fast 8.000 Fotos, die mit dem Tag #Iranelection versehen sind, dem Label der Opposition.

Die verwackelten und unscharfen YouTube-Videos bebildern Abend für Abend die Berichte der westlichen Fernsehanstalten. Gestandene Journalisten wie Claus Kleber haben damit ein gewaltiges Problem.

Immer wieder betonen Kleber und Co., dass sie die Echtheit der Bilder nicht verifizieren können. Gezeigt werden sie trotzdem, denn die schiere Dramatik ist gut für die Quote. Aber distanzieren möchte man sich doch von dem, was nicht den Standards des westlichen Qualitätsjournalismus entspricht. Denn die todesmutigen Iraner mit ihren digitalen Aufnahme- und Übertragungsgeräten werden zu einer  Konkurrenz für die etablierte Presse, deutet die FAZ an:

„Amateurjournalisten unter den Demonstranten werden indes über elektronische Medien weiterhin Berichte und Bilder in die Welt senden.“

Auch Netzpolitik.org versteht „digitalen Aktivismus“ als eine Form des Bürgerjournalismus. Dabei wird Bezug genommen auf die Tätigkeit der Berichterstattung und die Koordination von Aktivitäten. Das greift jedoch zu kurz. Die Bedenken von Claus Kleber sind berechtigt. Denn im Krisenfall wird das Internet zu einem digitalen Schlachtfeld, auf dem die Akteure alle Mittel nutzen, um den Gegner zu schädigen.

Social Media unter Waffen: Information Warfare

Information Warfare zielt auf die Verbreitung von Propaganda oder (Falsch-) Informationen in Massenmedien ab. Auch die Sabotage von Kommunikationskanälen des Feindes gehört dazu. Lässt sich ein Kanal nicht abschalten, wird er mit Falschinformationen gefüllt, um die  signal-to-noise ratio signifikant zu senken und den Kanal dadurch unbrauchbar zu machen.

Genau das ist bei der Nutzung von Twitter (und anderer Social Media) der Fall. Laut Web Ecology Project wurden im Zeitraum vom 7. bis 26. Juni über 2 Millionen Tweets zu den Wahlen im Iran versendet. Ungefähr 480.000 Nutzer haben sich an diesen Gesprächen beteiligt. Eine Twittersuche nach „Iran“ ergab zu Spitzenzeiten laut Read Write Web bis zu 100.000 Tweets am Tag.  Weil der Dienst sich nicht komplett sperren lässt, unternimmt das iranische Regime immer wieder den Versuch, die Opposition durch Falschmeldungen zu destabilisieren.

Wie raffiniert Falschinformationen eingesetzt werden können, fasst Wikipedia treffend zusammen:

„A common disinformation tactic is to mix some truth and observation with false conclusions and lies, or to reveal part of the truth while presenting it as the whole (a limited hangout).“

Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda in der Zeit des Nationalsozialismus, war überzeugt, dass die politische Propaganda maßgeblich zum Erfolg von militärischen Zielen beiträgt. Goebbels erlangte traurige Berühmtheit mit seiner Sportpalastrede und der rhetorischen Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg?“

60 Jahre später leitet das deutsche Militär das „Multinational Information Operations Experiment“ (MNIOE), eine Kooperation von knapp 16 kooperierenden Partnern. Was darunter zu verstehen ist, beschreibt die Bundeswehr so:

„Unter der Aufgabe „Informationsoperationen“ (englisch: Info Ops) versteht man die Koordination aller militärischer Maßnahmen, mit denen Wirkungen auf Informationen und Informationssysteme erzielt werden können.“

Konkretere Aussagen über Ziele und Instrumente des Projekts sind bisher nicht im Netz zu finden. Die umstrittenen Embedded Journalists des 2. Golfkriegs dürften jedoch einen Vorgeschmack auf das geboten haben, was uns in Zukunft erwartet.

Neu am Kiosk: Journalismus mit Handlungsrelevanz

Die Manipulation durch einseitige oder falsche Informationen ist ein Problem für den Journalismus, nicht nur im Iran. Der Harvard Business Blog bringt es auf den Punkt:

„The problem with the news used to be what constitutes news: fluff stories, human interest and the like. Now that everyone is a reporter and it is impossible to tell who is reputable, the problem with the news is the trustworthiness of the news itself.“

Vertrauen war immer eine wichtige Währung für Journalisten. Durch das Arbeitsumfeld Internet hat sich der Währungskurs drastisch erhöht. Die Echtheit und Lauterkeit von Quellen aus dem Netz lässt sich kaum in konspirativen Vier-Augen-Gesprächen klären, gerade, wenn diese Quellen ihre wahre Identität verschleiern müssen.

Vertrautheit in Sozialen Netzwerken und Medien führt zu Ambient Awareness, aber nicht zu Wahrhaftigkeit. Vertrauen ist zwingend an Identitäten gekoppelt. Der Schriftsteller Paulo Coelho konnte den heimtückischen Mord an der jungen Iranerin Neda verifizieren, weil ihm ein persönlicher Freund das tragische Ereignis bestätigte. Coelho hatte ihn als Augenzeuge auf dem Video wiedererkannt, das den Mord an Neda dokumentiert.

Coelho wurde auf das Video aufmerksam, nachdem es über Twitter tausendfach verbreitet wurde. Als vertrauensvolle Person verhalf Coelho dem Ereignis schließlich zu uneingeschränkter Glaubwürdigkeit. Aber nicht nur das:

Weil Coelho die Korrespondenz mit dem befreundeten Arzt in seinem Blog veröffentlichte, verlieh er dem Ereignis auch inhaltliche Tiefe. Im Sinne der Publizistin Hannah Ahrendt wurde er selbst zum handelnden Aktivisten. Nach Ahrendt ist Kommunikation, d. h. das „Finden des rechten Wortes im rechten Augenblick“, aktives Handeln.

TAZ vom 25. Juni 2009: Lasst sie frei!

TAZ vom 25. Juni 2009: Lasst sie frei!

Diese Form des Handelns ist auch unter den Journalisten verbreitet, die sich selbst gegen interessengetriebene Manipulationen schützen müssen. In Leitartikeln, Kommentaren und Glossen berichten sie nicht nur über Ereignisse, sondern bewerten sie auch nach ihren ganz persönlichen Maßstäben.

Die Tageszeitung forderte auf der Titelseite vom 25.06.09 das iranische Regime in Farsi zur sofortigen Freilassung aller politischen Gefangenen auf. Das renommierte Wissenschaftsjournal Nature attestiert „We are all Iranians“ und ruft zur Solidarität mit der Protestbewegung auf. Das Wall Street Journal aktiviert ebenfalls seine Leser: „Let’s Help Iranians Beat the Censors„. Das hat mit neutraler Berichterstattung wenig zu tun und erweckt eher den Eindruck eines Leitartikels auf Speed.

Erklären lässt sich das möglicherweise mit dem Propagandamodell von Noam Chomsky und Edward S. Herman. Das Modell unterstellt, dass Tendenzen in den Massenmedien das Produkt ökonomischer Zwänge sind. Daneben bildet „Anti-Terrorismus“ einen Glaubenssatz der Massenmedien, der sich im Fall Iran gegen ein Regime richtet, das nachweislich den Terror in der arabischen Welt unterstützt.

Das Social Web: Ursache und Lösung von Vertrauensproblemen

Während die meinungsstarken Textgattungen in den Massenmedien meist als solche gekennzeichnet sind, ist die Unterscheidung von neutraler Berichterstattung und einseitiger, manipulativer Propaganda im Social Web fast unmöglich, wenn sie nicht vom Urheber gewollt ist.

Wie groß die Gefahr durch Falschmeldungen für die Massenmedien tatsächlich ist, zeigt die Nachricht vom angeblichen Tod Patrick Swayzes und die von Stefan Niggemeier aufgeführte Chronologie einer DPA-Falschmeldung. Selbst nach der teilweisen Richtigstellung durch die Nachrichtenagentur wurde die Falschinformation weiter verbreitet, insgesamt vier Tage lang. Passieren solche Fehler öfters, verlieren die Medien das Vertrauen ihrer Konsumenten.

Hinzu kommt, dass einzelne Ereignisse von den Journalisten in ihrer Wirkung analysiert und zweifelhaft interpretiert werden. Claus Kleber äußerte sich zum Beispiel spekulativ im Heute Journal vom 20.06.2009 zur Zukunft der iranischen Protestbewegung. Seine Thesen gründen auf Vermutungen, nicht auf Wissen.

Der Journalistik-Professor Michael Haller stellt in einem Interview mit der Zeit zum Thema Wissenschafts-Journalismus trocken fest:

„Einer der Hauptfehler, die man immer wieder in solchen Berichterstattungen findet, ist eine Ursachenbehauptung. Die Studien liefern lediglich eine Korrelation. Doch dann wird daraus ein Kausalzusammenhang gemacht. Das passiert bei Untersuchungen zum Sozialverhalten sehr häufig. Meiner Schätzung nach ist in diesem Bereich jede zweite Meldung falsch.“

Der Drang, Ereignisse nicht nur zu beschreiben, sondern auch erklären zu wollen, damit andere sie verstehen, ist ein grundsätzliches Element der Aufklärung. Dieser Reflex ist unter Journalisten wie auch Bloggern weit verbreitet und bildet die Grundlage für die Wissensvermittlung. Ein Problem stellt die mangelnde Überprüfbarkeit von Behauptungen dar.

Das Social Web ist eine gefährliche Quelle für Journalisten. Dessen Akteure sind nicht nur Bürgerjournalisten, sondern auch und vor allem Revolutionäre, Geheimdienstler und Sympathisanten mit ausgeprägtem Halbwissen. Aber auch die etablierten Medien selbst sind als Quellen mit Vorsicht zu genießen (siehe Chomsky). Die Verifikation von Informationen auf Basis von Vertrauen ist zwingend an die Beziehungen von eindeutigen Identitäten gekoppelt (siehe Coelho).

Es stellt sich die Frage, wie auch in Krisenzeiten ein „Web of Trust“ erhalten werden kann. Während Wolfgang Stieler vom Magazin Technology Review keine Antwort auf diese Frage weiß, kommen die Professorinnen Miriam Meckel und Katarina Stanoevska-Slabeva von der Universität St. Gallen – im Rahmen einer Studie zu Twitter und Iran – zu folgendem Ergebnis:

„Die Positionierung von Bloggern als Experte, Broker und Radarscreen macht das umso wichtiger: Sie helfen, die Informationsströme zu bündeln und einzelne Nachrichten zu überprüfen oder wenigstens zu hinterfragen, damit sich die Leser aus der Vielzahl an Informationen ein eigenes Bild machen können.“

Deshalb ist das Social Web auch hervorragend geeignet, wenn es gilt, auf Falschinformationen und fragwürdige Analysen schnell und angemessen zu reagieren. In der Echtzeitkommunikation via Twitter dauert es mitunter nur Minuten, bis eine Falschmeldung als solche entlarvt wird. Entscheidend ist, dass die Überprüfung der Information von jemandem vorgenommen oder initiiert wird, dem wir vertrauen. Diese Rolle übernehmen mehr und mehr etablierte Experten für Nischenthemen mit eigenen Netzwerken, über die sie Informationen aus vertrauensvollen Quellen einholen. Nico Pitney von der Huffington Post ist so ein Experte für die Vorgänge im Iran. In seinem Blog sammelt er alle Informationen zum Iran, die als gesichert gelten.

Jedermanns Freund: Stanley Milgram. Copyright by Uni Jena

Jedermanns Freund: Stanley Milgram. Copyright by Uni Jena

Glaubt man dem von Stanley Milgram entdeckten Kleine-Welt-Phänomen, ist jeder beliebige Mensch über eine sehr kurze Kette von persönlichen Kontakten erreichbar. Auf dieser These beruht zum Beispiel das Geschäftsmodell von Xing und anderen Social Networks. Sind die Beziehungen der einzelnen Glieder der Kette untereinander tasächlich sehr persönlich, stark und vertrauensvoll, entstehen „trusted chain gangs“, die gesicherte Informationen über sechs Ecken weitergeben können, ohne dass der Anfang und das Ende der Kette sich persönlich kennen. So kann der Anfang einer trusted chain gang ein Augenzeuge in den Straßen von Teheran sein, ohne Internetzugang, und das Ende ist ein Blogger in Baltimore.

Die Etablierung solcher trusted chain gangs ist sicher alles andere als trivial. Sie stellen aber eine neue Form der Informationsbeschaffung dar. Wenn etwa Christiane Hoffmann von der FAZ als Quelle aus dem Iran eine persönliche Bekannte zitiert, die wiederum Informationen von anderen Vertrauten erhält, ist das Kleine-Welt-Phänomen im Journalismus angekommen.

Am Ende gibt es jedoch nur eine zuverlässige Waffe gegen Black Propaganda und Information Warfare: Den gesunden Menschenverstand. Je mehr Menschen diesen im Social Web zur Verfügung stellen, um so vertrauensvoller wird das Medium auch in schwierigen Zeiten sein.

Für Neda.

Update: Miriam Meckel schreibt in ihrem Blog ebenfalls über die Wechselwirkung von Journalismus und Social Media in Bezug auf die Proteste im Iran.