So einfach wie Strom – Netzbewegendes 2009, 2010ff.

So einfach wie Strom – Netzbewegendes 2009, 2010ff.

Was war das für ein Jahr! Dramatische Entwicklungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft hielten uns 24/7 an 12 Monaten in Atem. Ganze Banken gingen in Staatsbesitz über, Automobilkonzerne stehen vor dem Aus, altehrwürdige Traditionsunternehmen sind verloren. Die Deutsche Bahn verlor ihren so populären wie umstrittenen Lenker Mehdorn, der es im Februar als „Blogwart“ auf die Titelseite der Tageszeitung geschafft hatte. Ursache dafür war einer von gleich mehreren Datenskandalen, die uns daran erinnerten, dass Unternehmen viel zu viel über uns wissen und wissen wollen.

Im Sommer gingen im Iran Menschen aller Klassen und jeden Alters auf die Straße, um sich für ihren Traum von einer offeneren Gesellschaft zu Tode prügeln zu lassen. Millionen sahen Neda sterben, Millionen solidarisierten sich mit den Verzweifelten. Noch zu Beginn des Jahres war die Welt voller Euphorie, als Barack Obama als neuer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt wurde. Am Ende dieses Jahres schauen wir nach Kopenhagen und verzweifeln über die Lenker der Welt, die es offenbar nicht schaffen, sich angesichts der drohenden Klimakatastrophe auf ein gemeinsames Maßnahmenpaket zu einigen.Michael Jackson starb. Patrick Swayze war für wenige Stunden vor ihm tot – die Todesmeldung war ein Internet Meme, das am 19. Mai auch die Redaktionen von Bild und Co. ereilte und es als Falschmeldung in die Massenmedien schaffte. Vier Monate später starb Swayze tatsächlich. Es war auch das Jahr des großen Blattsterbens. Jeden Monat wurde die Einstellung von ein Dutzend Titeln verkündet. Die Diskussionen zwischen Verlegern und Apologeten der „Kostenloskultur“ Internet bekam immer neue Impulse durch ihre Protagonisten, etwa Burda und Döpfner.

Bei der Wahl des Bundespräsidenten kam es zum Eklat, weil das Ergebnis noch vor der offiziellen Bekanntgabe via Internet verbreitet wurde. Die ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen erreichte als „Zensursula“ traurige Berühmtheit. Ihren Vorstoß, Kinderpornographie im Netz durch Zensur zu bekämpfen, wollten über 130.000 Unterzeichner einer E-Petition verhindern. Mit dem Ende der großen Koalition ist das geplante Zugangserschwerungsgesetz jedoch vom Tisch.

U2 zeigten ihr Konzert in L.A. kostenlos einem weltweiten Millionenpublikum – via YouTube. Nur das deutsche Publikum schaut in die Röhre – wegen Rechtsstreitigkeiten zwischen dem Videoportal und der GEMA. Chris Anderson veröffentlichte die Erstausgabe seines Buches „Free“ unter anderem kostenlos – via Google Books. Der Amazon Kindle kam nach Deutschland. Palm erhob sich in den Smartphone-Himmel wie Phönix aus der Asche. Google Wave verzauberte die Kommunikationsbranche. Twitter. Facebook. Foursquare. Latitude. Square. Kerner. Und, und, und…

Ach, und erinnert sich noch jemand an das Internet-Manifest?

Was kommt?

Was 2010 bringen wird? Keine Ahnung. Nur eins ist sicher: Auch das nächste Jahr wird am Ende wieder voller Geschichten stecken, über Menschen, Ereignisse und Ideen. Natürlich wird auch unser liebstes Kind wieder eine wichtige Rolle spielen: Das Internet. Diese Weisheit ist jedoch banal. Denn, auch wenn die Vorschau auf 2010 den Auguren unter den Beratern überlassen bleibt, die langfristige Entwicklung ist eindeutig:

Das Internet wird in den nächsten Jahrzehnten vor allem eins: Infrastruktur für eine prosperierende Ökologie. So, wie uns Strom im alltäglichen Leben begleitet, ja uns dieses erst ermöglicht, wird das Internet Grundlage sein für alle möglichen Dinge jenseits von Websites. Internet of things, location based services, TV und Radio – in Zukunft wird der Nutzen in den Vordergrund treten, die paketvermittelte Übertragung wird eine Selbstverständlichkeit sein mit so viel Sex-Appeal wie – Strom.

Bis dahin wird es noch viele Aufreger geben, noch mehr Applikationen und Services und vor allem immer wieder die Kontroverse, was uns Menschen diese neue Form der Vernetztheit kostet und welche Chancen sie birgt. Es werden andere Themen in den Vordergrund treten. Etwa die (kostenlose) Breitbandversorgung von Entwicklungsländern, die Versorgung von Millionen Kindern auf dem afrikanischen Kontinent mit Zugängen zum Netz und Online-Lernmaterialien. Das Netz wird internationaler, Domains in Landessprache werden den riesigen Pool der Netzadressen bereichern, aber auch Verwirrung stiften.

Die Unterscheidung von Online und Offline wird für Medienschaffende und Werbeindustrie nicht mehr zu halten sein. Alles wird Online. Aber nicht alles wird Website. Und wenn eins sicher ist, dann das: Auch in Zukunft werden einige Berater immer die richtigen Antworten und 10 besten Tipps zu allem und jedem haben.

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    Sehr schön geschrieben!!

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    Danke! :-)

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    Und nicht zu vergessen „Rage against the Machine“, die sich per Facebook auf Platz 1 der UK-Charts über Weihnachten mit ihrem alten Lied „Killing in the name of“ positioniert haben. Das passt perfekt alles zusammen (Idee, Umsetung, Motiv). Die Einnahmen werden alle gespendet. Das ist Social Web at its best. Die Guten sind die Jungs von RATM und die Bösen „the machine“ (also die Pop-Industrie und der Kommerz in diesem Fall). Coole Aktion.

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    Und nicht zu vergessen „Rage against the Machine“, die sich per Facebook auf Platz 1 der UK-Charts über Weihnachten mit ihrem alten Lied „Killing in the name of“ positioniert haben. Das passt perfekt alles zusammen (Idee, Umsetung, Motiv). Die Einnahmen werden alle gespendet. Das ist Social Web at its best. Die Guten sind die Jungs von RATM und die Bösen „the machine“ (also die Pop-Industrie und der Kommerz in diesem Fall). Coole Aktion.

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